Kommst Du mit ins Private Kino?

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Eine private Rückblende aufs jüngste Album von Dirk Hardegen

>Privates Kino< hätte ein reines Rockalbum werden sollen. Hart, schnell, kompromisslos und das durchgehend – keine Ausnahme, keine Gefangenen. So hat es Norbert Leisegang dem Publikum wiederholt bei der aktuellen Tournee erklärt.

KinoKeimzeit kurios? Keineswegs. Schließlich war die Produktion des >Kinos< so etwas wie die letzte Nagelprobe für einen neuen Mann an der Gitarre – Rudi Feuerbach, der nun auch im Studio seinen Einstand geben sollte. Es liegt nahe, dass der feurige – zumal junge – Feuerbach mit frischen Licks und frischer Power das Projekt insgesamt beflügelte und anheizte: Mensch Meier, machen wir doch ne Rockscheibe!

Dass es in dieser Konsequenz doch nicht dazu kam (und mancher Fan wird wohl nicht böse sein), ist offenkundig dem vorliegenden Songmaterial geschuldet, das mitunter eine dogmatische Up-Tempo-Behandlung nicht gut vertragen hätte. Man stelle sich vor: Songs a la „Mailand“, „Vor den Ferien“ oder auch der Titeltrack in all ihrer verträumten Major-7-Akkord-Melancholie als schwitzende Rocker?! Lieber nicht.

Rudi

Vielleicht setzte sich auch die Ansicht bei Musikern und Produzenten durch, dass vielfach die Mischung ein gutes Album ausmacht – die Balance zwischen Groll, Schwermut und Entzücken, die sich eben auch in musikalischer Buntheit ausdrückt.

Jedenfalls tummeln sich neben Rock´n´Roll ebenfalls im >Privaten Kino< : elektrischer Walzer („Leicht bemerkt“), eine Spoken-Lyrics-Miniatur („Blut der ersten Sonnenstrahlen“) sowie diverse Nummern in moderatem Tempo, beispielsweise „Tage ohne Sex“ (das nebenbei auch einen vorzüglichen Albumtitel abgegeben hätte).

HartmutAlso doch alles beim Alten? Die bewährte Keimzeit-Mixtur, vielleicht mit einer Extra-Prise Rock? – Nicht ganz. Denn textlich bringt das Album einen neuen Zungenschlag. Chef-Schreiber Norbert Leisegang experimentiert mit einem bis dato so von ihm nicht gehörten Tonfall: mit ironischer Anmache, mit augenzwinkernden Angriffen, mit Schmäh.

Folgerichtig verlässt er dafür seinen assoziativen, poetisch verbrämten Dichtstil (der ja immer auch Spielraum für Interpretation lässt) und setzt stattdessen auf zupackende, direkte, plakative Zeilen, an denen es aber auch gar nichts zu deuteln gibt.

„Paul“ schüttelt den gleichnamigen Eifersuchtsbolzen heftig am Kragen. Uns, den Zuhörern, fällt der „Vorhang“ vor die Füße, wenn uns das Gehörte nicht auf Anhieb behagt. „Ganz normale Frauen“ und „Rentner“ bekommen eine doppelte Portion Fett weg.

Vor allem die beiden letztgenannten Lieder ernten denn auch nicht nur Beifall. Motiv der Kritik: so konkret die Songs in ihrer Aussage sind – so allgemein und undifferenziert bleiben sie in ihrer Ansprache. Wer nun aber sämtliche Frauenköpfe über einen Kamm schert, wer pauschal alle Alten nervig nennt, der textet auf dünnem Eis.

Spatzi

Die „Ganz normalen Frauen“ wollen zwar auf dem letzten Meter in der allerletzten Strophe noch die Kurve kratzen, wenn sich der Spott zur Liebeserklärung wendet. Bloß kriegen das, naja, sagen wir mal emanzipiert bewegte Seelen im Zweifelsfall gar nicht mehr mit. Die haben da längst schon den Song weggeskipt.

Das zu erwartende ´Graue Panter´-Gebrüll wegen der „Rentner“-Schelte wiederum, pflanzte immerhin ein paar hübsche Stilblüten in den Blätterwald. Pseudo-erboste Schlagzeilen. Aber: Norbert Leisegang relativiert die Schärfe des Textes inzwischen auch bei Live-Gigs, wenn er augenzwinkernd absagt: „… bin selbst bald soweit“.

NorbertEs gibt auch selbstironische Töne auf dem Album: mit dem offenbar autobiografisch gefärbten Text von „Sängerin“ nimmt sich der Schöpfer selbst auf die Schippe. Schließlich mutiert der Vokalist – einst der nette Mugge-Kumpel von nebenan – zur abgehobenen Diva, zur Sängerin.
Diese stolziert musikalisch im stoischen Rock daher, der durch die Wiederholung der Refrain-Zeile mantra-artiges Flair atmet. Die Gleichförmigkeit ist aber auch das Risiko der Komposition; man hat den Track rasch intus. Rudi Feuerbachs extrem dissonanter Akkord zum Schluss (ein E9minus) schickt die Monotonie in den Schredder. Wer hätte gedacht, dass ein derart fieser Akkord so wohltuend wirken kann?
Überhaupt: die Feuerbachsche Gitarre schwirrt metallisch, wie eine indische Sitar – nach der „Karawane“ vom Vorgänger-Album wieder ein Ausflug in exotische Klang-Gefilde. Und aus Hartmuts Bass-Riff klingt eine kleine Hommage an die Beatles heraus („Taxman“).

Produktionstechnisch schimmert noch mal ein Pilzkopf durch: in „Privates Kino“ verpasst Produzent Franz Plasa Norberts Stimme jenen Badezimmer-Echo-Effekt, der auch John Lennons Solo-Werke in den 70ern charakterisierte. Die Nummer wirkt insgesamt etwas düster, traurig und kraftlos. Warum die Studiofassung Ralf Benschus formidables Sax-Solo ausspart, das den Song live aus seiner bleischweren Trübsal heraus lotst, bleibt ein Rätsel.

Franz

„5 Sekunden“ lässt uns hinter den Vorhang linsen. Keimzeit Backstage. Letzte Handgriffe, Stress und vor allem Spannung unmittelbar vor der Show. Roland Leisegang lässt sich von alledem nichts anmerken, er bearbeitet seine Drums mit der Präzision eines Uhrwerks und Andreas Sperling winkt am Piano souverän zu den (überbewerteten) Kollegen von Coldplay herüber. Die Halbtonschritte in den Akkorden reflektieren spürbar die Spannung des Textes. Auch live ein Opener nach Maß.

RalfRudi Feuerbach bringt zu seinem Studio-Einstand gleich zwei Kompositionen mit: „Frauen“ und „Ferien“. Der erste Track bietet einen witzigen, aufschaukelnden Gitarren-Tremolo-Effekt, kommt ansonsten aber etwas steif und ungelenk rüber, eine Spur zu Schrammel-rockig.
Die „Ferien“ hingegen duften luftig und leicht, es ist die ungleich reizvollere Komposition und definitiv einer der schönsten Momente im >Privaten Kino< . Wer bei Rudis Slide-Gitarre nicht zergeht, wie ein Butterwürfel in der Ferien-Sommer-Sonne, ist vermutlich schon tot.
Ralf Benschu tupft geschmacksicher Querflöten-Läufe ins Bild, einer seiner spärlichen Auftritte auf der (vermeintlichen) Rockscheibe.

„Blut der ersten Sonnenstrahlen“ erinnert in seinem Strickmuster an „Zukunft“ (von >Smart und gelassen warten< ) – die gezupfte Akustikgitarre ist tempomäßig nicht ganz sauber geloopt, möglicherweise ein gewollter Irritationseffekt. Textlich packt Norbert Leisegang all seine poetische Verve, die er sich bei den Rockreißern verkneift, nun doppelt in den Track. Und der schrammt knapp an der Überladungs-Grenze vorbei.
Da hilft auch der sehr ausgiebige Dreh an der Effektkiste wenig, obwohl der Schlumpf-stimmige Mini-Nobbi natürlich schräg klingt und dem übergroßen Text-Pathos ein wenig ans Schienbein kickt.

„Tage ohne Sex“ sind ist da auf Anhieb nachvollziehbarer für den Zuhörer – sei er nun konkaver oder konvexer Natur. Musikalisch kommt auch diese Komposition etwas träge daher, trifft damit aber ganz gut das Flair, dass solche ungelebten Tage umweht.

Roland

„Leicht bemerkt“ schunkelt in seiner Drei-Viertel-Seeligkeit schwer dahin – die Instrumente klingen um eine Nuance verstimmt und sogar die Trommeln werden durch den Flanger gejagt. Ein eigenbrödlerisches Lied über einen Eigenbrödler. Im gesprochenen Part webt Norbert gar eine Portion ägyptische Mythologie mit ein: die Kreatur mit dem Kopf eines Hundes spielt offenbar auf die Gottheit Thot an, die als Hüter der göttlichen Ordnung und der Rituale und des geheimen Wissens galt. So einer kann sich im Kreise der Selbstdarsteller natürlich nicht amüsieren.

„Paul“, nimm den Druck raus. Glücklicherweise nimmt die Kapelle den Druck rein. Ungestüm, gleichzeitig sehr lässig wird hier gerockt. Gewiss ein ganz neuer Musik-Gestus für Keimzeit – die (zumindest auf den Plasa-Platten) doch meist kontrolliert und akkurat klingen. Ein Ansatz, den die Band mit „Mensch Meier“ (so, wie sich der Song jedenfalls live anlässt) offenbar fortzusetzen gedenkt. Gut so.

Und nun geht’s hinter die Raststätte. Nach „Mailand“. Wo die Band komplett alles im Griff hat. Und ganz großes Kino liefert. Bass und Gitarren kommen von der ersten Sekunde zwingend, fein Hendrix-ornamentiert, der Groove ist relaxt (nicht träge!!) und schiebt sich einem schwelgenden Refrain entgegen, den man am Liebsten ewig hören möchte.
Und wenn dann noch Feuerbachs Gitarre klebrig, sämig über die letzten Refrains herüberträufelt und all die Sehnsucht mit süßen Slides potenziert… ist das: cinemascope total, die Leisegäng at it´s best. Und mir fällt kein zweiter Sänger ein, der diese fabelhafte Komposition mit jener melancholisch-elegischen Note so anrührend auf den Punkt singen könnte. Einzigartig. Herausragend. Bezaubernd. Jetzt schon ein Keimzeitklassiker.

Norbert

Zu guter letzt fällt der „Vorhang“. Und noch einmal thematisiert sich die Band und ihre Befindlichkeiten selbst (auch das gab es so gehäuft noch nicht). Trotz des harschen Tonfalls im Text ein ganz versöhnliches Finale – denn glücklicherweise haben wir alle etwas in diesem >Kino< für uns entdecken können. Nach dem rockigen Auftakt kommt Roland an der Schießbude noch mal ganz stark nach vorn und klopft den vertrackten Beat der Strophe leger und überlegen. Warum darf sich der Mann nicht öfters austoben? Die Band bekommt den kniffeligen Wechsel zwischen bratzigem Rock und dem filigranen Funk bestens hin – auch live, wo der Song dank kleiner Textvariante ebenfalls funktioniert: ´denn der Abend geht zu Ende´.

Also Ende der Vorstellung im >Privaten Kino< . Die CD wandert zurück in die Verpackung. Schwarz-weiß ist sie, trotz Strahlemann Norbert im Bild, wirkt auch sie zu düster. Ein Frontmann allein in Großaufnahme, dazu der egozentrische Albumtitel, das hat ein bisschen was von: Soloscheibe. Was natürlich quatsch ist. Und doch: mit seinen unglücklichen Ironie-Experimenten hat Texter Norbert eine an sich reife Bandleistung ganz im Alleingang angreifbar gemacht. >Privates Kino< ist ein gutes Album. Nicht ihr bestes.

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