Stabile Währung Liebe: Das neue Album!

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Soeben in der Märkischen Allgemeinen Zeitung (MAZ) gefunden:

GESCHICHTE: „Ich habe mich total glücklich gefühlt“

Norbert Leisegang, Keimzeit und die Wende ’89

Zu der im Landtag eröffneten Ausstellung „Plötzlich war alles möglich . . .“ erinnerte sich Norbert Leisegang an die friedliche Revolution in der DDR und sang Lieder vom Debüt-Album seiner Band „Keimzeit“ aus Lütte. Mit dem Künstler sprach Sebastian Scholze.

MAZ: Wie kam es zu diesem Auftritt im Brandenburger Landtag? Es ist ja eine eher ungewöhnliche Bühne.

Norbert Leisegang: Ich bin von den Verantwortlichen angesprochen worden, weil es wohl passend zum Thema erschien. Wir als Band sind ja quasi mit den politischen Veränderungen von 1989 breiter bekannt geworden. Vor allem unseren Song „Irrenhaus“ haben die Menschen sehr ins Herz geschlossen und in dieser Umbruchsituation sehr gebraucht.

MAZ: War das Ihre Intention, als Sie den Text schrieben?

Leisegang: Nicht die Bohne! Der Text entstand ja bereits 1986. Ich war damals überhaupt kein politischer Mensch und wollte viel eher ein Grundgefühl, eine Lebenseinstellung beschreiben. Das Album „Irrenhaus“ haben wir noch für den Rundfunk der DDR aufgenommen. Erst als klar wurde, dass die neuen Bedingungen ein Erscheinen bei Amiga unmöglich machen, sind wir zur großen Plattenfirma BMG gegangen, wo die Platte 1990 erschien. Dann spielten Sender wie das Jugendradio DT-64 unsere Titel immer wieder. So wurden sie schnell populär.

MAZ: Eine oft zitierte Zeile aus Irrenhaus lautet: „Irre ins Irrenhaus, die Schlauen ins Parlament“. Sitzen die Schlauen heute im Parlament?

Leisegang: Natürlich nicht. Das kommt selten vor. Ich habe den Eindruck, dass die meisten heute ins Parlament gehen, um Karriere zu machen. Es gibt auch Ausnahmen wie Günter Baaske – der hat viel bewegt. Ich fasse es als Zeichen für ein klares Denken bei ihm oder bei Rainer Speer auf, dass sie im Volksmund umstritten sind. (Baaske war zeitweilig Keimzeit-Manager – d. Red.)

MAZ: Ab wann konnten Sie sich vorstellen, dass die Mauer mal fällt?

Leisegang: Gewünscht habe ich mir das, seit ich als 16-Jähriger das Reisen entdeckte. Geahnt haben wir es selbst bei den Aufnahmen 1988 noch nicht. Mein Vater hat es mir immer vorausgesagt.

MAZ: Sind Sie mit Ihren Texten jemals angeeckt?

Leisegang: Nicht mit „Irrenhaus“, aber mit „Hofnarr“. Ich sollte während der Aufnahmen einige Stellen ändern. Als ich mich weigerte, gaben die alten Rundfunk-Lektoren nach. Die haben wohl die anstehenden Veränderungen schon erahnt.

MAZ: Was war Ihr krudestes Erlebnis als Musiker in der DDR? Es geht die Geschichte, dass Sie während Ihres Wehrdienstes in NVA-Uniform auftreten mussten.

Leisegang: Das stimmt und es war vollkommen lästig, genau wie der Dienst an sich. Bei Keimzeit-Konzerten ist das aber nie passiert, nur wenn ich mit der Kasernenband auftrat. Bizarr waren auch immer die Bewertungsjurys, die über die Lizenzen für Musiker befanden. Einmal spielten wir dabei einen Titel von „Ideal“ mit der Zeile „Ich steh’ auf Berlin“. Während ein älterer Funktionär wegen dieser Zeilen, die natürlich als Hymne auf West-Berlin angelegt waren, protestierte, deckte mich ein jüngerer zum Glück.

MAZ: Wie oft mussten Sie zur Bewertung aufspielen?

Leisegang: Bestimmt ein Dutzend Mal. Unser Ziel, die Oberstufe zu erreichen und damit acht Mark pro Stunde und Musiker verlangen zu dürfen, haben wir spät geschafft. (lacht)

MAZ: Vermissen Sie etwas, wenn Sie an die Zeit vor 1989 zurück denken?

Leisegang: Meine Jugend. Man veränderte sich nach den Umbrüchen plötzlich, Freunde sahen einen in einem anderen Licht. Ab und zu wurde ich sogar für einen Westdeutschen gehalten. Das fand ich drollig. Wenn wie bei mir – ich feierte zur Wendezeit 30. Geburtstag – persönliche und gesellschaftliche Veränderungen zusammentreffen, schlägt es ordentlich ein. Entweder man fühlt sich wie neu geboren oder wie ausgekotzt. Ich habe mich total glücklich gefühlt, weil ich endlich reisen konnte.

MAZ: Welchen Zwängen unterliegen Sie heute?

Leisegang: Jeder Musiker, jeder Künstler wird immer die bestehenden Verhältnisse in Frage stellen und dabei immer Schwierigkeiten bekommen. Das ist ein Zwang, der sich aus Defiziten entwickelt, gesellschaftlichen oder persönlichen. Die andere Seite ist die ökonomische, die Suche nach Verträgen und Plattenfirmen.

MAZ: Wann werden die Fans Keimzeit wieder live erleben können?

Leisegang: Im April kommt unser neues Album „Stabile Währung Liebe“ heraus. Ab Mai gehen wir damit auf Tour.

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