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„Mensch Meier“ ! Was für ein Start!

16.03.2006, Berlin, TRÄNENPALAST

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Ja, es ist wieder so weit! Nach fast auf den Tag genau drei Monaten Pause, endlich wieder „Keimzeit – live“!
Die Vorfreude war groß. Ganz besonders, weil es hier in Berlin, zusätzlich zum Konzert nun endlich ein größeres Treffen der „elektrofeld-Aktiven“ geben sollte.

Schon im Vorfeld zeichnete sich ab, dass dies ein großer Abend werden sollte. Im Vorverkauf gab es schon längst keine Karte mehr zu ergattern und die Abendkasse war schwer umlagert.

AUSVERKAUFTES HAUS ! Tatsächlich waren fast 1000 Leute gekommen, um sich mit dem neuen Programm „unserer“ Band zu amüsieren.
Es wurde also ziemlich voll im Tränenpalast und so war es auch für uns nicht leicht, einen guten Aussichtspunkt zu finden. Mit etwas Glück gelang es uns dann aber doch, bis in die zweite Reihe rechts vorzudringen, um den vollen Blick aufs Geschehen zu genießen.
Unsere Fotografen, Torsten und René, hatten sich indes auf eine höhere Plattform zurückgezogen, um den optimalen Standpunkt für das Gelingen besonders schöner Konzertfotos inne zu haben.

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Dann ging´s los. Die Band betrat in guter Stimmung die Bühne und begann unter großem Beifall ihr Spiel.
Alt Bewährtes löste sich mit Neuem ab, mal in rockigem Sound, mal mit sanfteren Tönen. Wir lernten musikalisch „Torsten Schmidt“ kennen, der „alles falsch gemacht hat“, sahen förmlich „Reflexionen“ im „Wasser“ und ließen, getreu dem Motto der Tour, bei „Mensch Meier“ die „BVG brennen“ (bei den heutigen Fahrpreisen in Berlin, übrigens wieder ein sehr aktuelles Thema).

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Neben den bekannten Keimzeit-Klassikern war diesmal auch einiges an Englischsprachigem zu hören. Wunderbar und mit stimmlicher Brillanz von Rudi Feuerbach vorgetragen, welcher zusätzlich mit seinem grandiosen Gitarrenspiel bestach.

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Auch ein rein instrumentaler Titel war zu hören, in dem jeder Musiker sein Können im Solo zeigte.

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Es war ein ausgelassener Abend, mit einem äußerst „textsicheren“ und (mit)sangesfreudigen Publikum, welcher nach mehrfachen Zugaben, mit dem Wilco-Cover „Jesus etc.“ – leider, für mich, wie immer zu früh, zu ende ging.

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Nachdem sich die Zuschauerreihen gelichtet hatten, trafen sich die „e-felder“ noch zu einem kleinen Umtrunk mit Gespräch, bei dem wir uns erstmalig persönlich kennen lernten.

Für den kommenden Tag verabredeten wir uns noch zu einer Stadtbesichtigung via Fernsehturm. Dies wurde ein wahrhaft „spannendes“ Erlebnis, bei einem Eintrittspreis pro Kopf von 7,50€, schmutzigen Scheiben der Aussichtsfenster und schlechter Sicht, welches alles in allem wohl nicht länger als 10min. andauerte.

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Es wurde nun auch bald wieder Zeit, sich auf den Weg zu machen, denn es stand für diesen Abend ja schon der nächste Konzerttermin an.
Wir verabschiedeten uns also vorläufig, um uns am Abend dann in Neuruppin wieder zu treffen.

Text: birgit.b

Fotos: rene.h

Ein Gespräch mit Ulle Sende

Von 1984 bis März 2003. Eine verdammt lange Zeit hat Ulrich Ulle Sende bei Keimzeit die Lead-Gitarre gespielt und den Sound der Band wesentlich mitgeprägt. Dirk Hardegen hat Ulle ein paar Fragen gestellt und höchst interessante Antworten bekommen…

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Hi Ulle! Wie geht es Dir?

…Es geht mir wie uns allen. Gute Tage, schlechte Tage; selbiges betrifft natürlich auch die Laune. Es ist schon eine Erfahrung, dem (sagen wir mal) Herbst des Lebens entgegenzugehen, nachdem das bis jetzt immer nur den anderen passiert ist. Dieser November macht Mut, denn er zeigt verschmitzt, daß Herbst Gold sein kann und daß es manchmal besser kommt als befürchtet. Man weiß genau, es wird nicht so bleiben können, bald kommen die Stürme und Regen oder graue Tristesse, also sehe ich mich JETZT satt. Heute kann man hemdsärmlig Fahrrad fahren!

Was machst Du zur Zeit – an welchen Projekten arbeitest Du aktuell?

…Arbeiten tu ich gerade an einem kleinen Film, für den ich Musik und Geräusche mache. Sehr eigene und nichtkommerzielle Sache..
Ich stelle immer wieder Stücke fertig, die zu meinen „geträumten Filmen“ gehören. Will damit sagen, daß es ein Traum von mir ist, Filme zu finden, die meine Musik wollen. Rom wurde nicht an einem Tag erbaut.
Und mit einem Freund zusammen arbeite ich an Hörspielen.
Dann gab es noch eine CD mit „verkomponierter Lyrik“ – mein erstes Projekt nach der Keimzeit-Trennung. Ich habe sehr lange dran gearbeitet zusammen mit Anna Panek, die Gedichte dazu schrieb und sprach. Ich komponierte und spielte größtenteils allein, allerdings auch mit Hilfe von Ralf Benschu und Edda Timmermann die Musik dazu. Ich wollte mich austoben auf diesem Gebiet. Dazu Mischen und Produzieren lernen. Das ist eine interessante Platte geworden, finde ich. Es ist eine Internetpräsenz geplant, wo diese Sachen nachzuhören oder zu erwerben sind. Ein Label hat sich bislang nicht gefunden.
Was mein Herz aber besonders erfreut: Mit Norbert Leisegang gibt es nun wieder Arbeitskontakt: Wir schreiben zusammen Geschichten. Da wird gerade ein großes Loch in mir verfüllt, das leider entstehen mußte.

Wie / in welchen Rahmen bist Du musikalisch generell aktiv. Und wie sieht das konkret aus (bosselst Du etwa einsam herum am PC im eigenen Kellerstudio? Oder probst Du aktuell mit neuen Musikern? )

U+N…Jein, da ist auch sehr viel allein in meinem Kämmerlein geschehen. Allerdings war öfter irgendjemand beteiligt. Wie Ralf zum Beispiel, der hier Saxophonpassagen für die CD einspielte, die ich liebe.
Ich hatte aber auch das bitter nötig nach den Jahren in der Band: Mich mal selbst zu verwirklichen, ohne daß jemand dazwischensteht. Ich neige bei gewissen Dingen seither und weiterhin dazu, sie lieber allein machen zu wollen und ohne Kompromisse. Aber das sollte nicht alleiniger Style sein; nur mit sich selbst tut’s nicht gut auf Dauer. Es gilt wie so oft, den richtigen Mix zu finden. Sich Eigenständigkeit zu bewahren, aber dabei Geben und Nehmen nicht zu vernachlässigen. Eine schwierige Gratwanderung, nicht erst in den letzten drei Jahren. Wenn eine Zusammenarbeit gut funktioniert und befriedigt, ist sie dem Alleinemachen vorzuziehen, basta.
Diese Arbeitsweise verschaffte mir allerdings auch den nötigen Spielraum, mich MEINEN KINDERN zu widmen und das hat uns nicht geschadet, auch wenn andere Aktivitäteten dafür wegbrechen mußten – leider. Nachdem ich mir in den Neunzigern auf sozusagen Dauertour bestimmte Defizite vorwerfe, was meine Söhne betrifft, mußte ich mein Leben ändern.

Im Netz hatte ich mal ein paar dürre Zeilen von der Tournee eines Blues-Trios mit Dir an der Gitarre aufgeschnappt – was war/ist da dran?

Ulle+Norbert…Es gab kein Blues Trio. Ich bin mal mit Peter Schmidt von East Blues Experience aufgetreten in einem Blues-Rahmen, vielleicht meinst du dies. Wir spielten im übrigen ein bekanntes Lied von Wilco :-) Und es hat großen Spaß gemacht.
Ich möchte in keinem klassischen Blues-Trio spielen und könnte es auch gar nicht. Ein herrlicher Traum wäre es, Blues spielen zu können in einem neueren Rahmen mit bestimmten Mitteln und Sounds dieses Jahrzehnts. Und mit einer Prise Avantgarde dazu. Ich bin nämlich kein Purist, auch wenn ich Blues liebe und er mir so sehr ins Fleisch gefahren ist, daß ich ihn nicht wieder loswerde. Wenn es ne Besetzung mit so einer Vision gäbe, wäre ich gerne mit von der Partie.

Kann man Dich derzeit denn irgendwo live erwischen? Oder Songs und Sounds im Internet aufstöbern? Gibt es Filmmusik, Hörspiel-Sounds oder ähnliches von Dir demnächst auf irgend einem Medium zu begutachten?

…Im Moment gibt es nichts Spruchreifes für die Bühne, für live. Aber das wird sich vielleicht ändern. Von der geplanten Internetpräsenz für meine ureigenen Sachen sprach ich schon. Und demnächst wird wieder ein Hörspiel fertig…

Ulle Big

Wie stark beobachtest Du die jüngsten Aktivitäten von Keimzeit?
Ich gehe nicht gerne zu Konzerten von Keimzeit. Die wenigen Male, die ich es versuchte, waren der Krampf. Ich wurde traurig. Nicht wegen ihnen oder dem, was sie spielen. Es war eben viel mehr als ein Job… So beobachte ich besser über die Medien oder laß mir was erzählen.

Wie gefällt Dir die jüngste Platte?

Ich bin seit je her ein Bewunderer von Rudi Feuerbach, und der hinterläßt natürlich den entscheidenden Stempel. Das hat der Band nicht nur musikalisch gutgetan. Ich bin sehr gespannt, was nach diesem „zweiten Frühling“ geschieht. Die „Abrocken“-Attitüde der Band ist mir ein wenig zu…, aber erstens ist das Geschmackssache und zweitens Geschmackssache. Nun, ich selbst bin ja ein Freund der leiseren Töne… Aber diese Platte ist trotzdem sehr gut. Diese Gitarren…! Und auch das Schlagwerk kommt so frei wie noch nie daher.

Habt Ihr noch Kontakt – die Band und Du?

Ja. Zu Andreas und Norbert besonders herzlich.

Ulle Again

Wie gefällt Dir die Keimzeit-community. Hast Du Anregungen? Was sollten wir besser machen?
…Die community find ich informativ toll. Besprechungen usw. sind super und eine echte Bereicherung. Ich bin manchmal richtig ungeduldig, bis wieder etwas Neues oben steht.
Fragwürdig aber find ich das zensierte Gästebuch. Auch mich hat das Gelaber manchmal auf der Keimzeit-GB-Seite genervt. Aber diese Zensur hier ist keine Lösung und dazu auch noch völlig langweilig, weil man ja sieht und weiß, daß hier jemand entscheidet, was da stehen darf oder nicht. Das solltet ihr mal von dieser Sicht her überdenken. Wenn es nach mir ginge, würde ich das alte GB wieder eröffnen und dort stehen lassen, was da eben steht. Das schadet doch nicht so sehr wie so eine Zensur, also wirklich! Und die Textseitendiskussion dürfte ja wohl auch langsam überstanden sein…
Aber ansonsten wünsche ich euch langen Atem und eine glückliche Hand!

Interview mit Norbert

 NorbertDas Interview von Dominik und Dirk mit Norbert Leisegang ist nun endlich online. Für alle Fans, dieses Interview wurde aufgenommen vor dem Hamburger Konzert am 15.9.2005 im Hamburger Grünspan.

Ich habe erstmal die Textversion veröffentlicht und werde in den kommenden Tagen auch das Video dazu hier reinstellen. Aber auch die Dominik hat neben dem Interview ein tolles Portrait von Norbert dazu beigesteuert.

Wenn noch jemand hier von den Fans eine Idee hat, wie ich ein 400 MB MP4 Video auf eine erträgliche Grösse schrumpfen kann, wäre ich demjenigen sehr dankbar!

Aber schaut und lest selbst.

 

UPDATE: Das Video zum Interview ist jetzt auch Online und mit 70MB auch erträglich im Download. Ihr findet es ebenfalls auf der Interview Seite.

NEWS: Wer ein wenig interessiert liest, wird ab jetzt auch in einem Beitrag von Dirk die Videos zu Nathalie und Mensch Meier finden, also viel Spass beim suchen und ansehen.

Was für eine Nacht…

Es gibt diese Abende, da passt alles zusammen. Die persönliche Stimmung, die Vibrationen, die Schwingungen unter den Anwesenden, die Location. So passiert am Donnerstag Abend, 16. September 2005. Im „Grünspan“ in Hamburg, einem alten kleinen Theater auf der Großen Freiheit, in dem Keimzeit eines ihrer vermutlich stärksten Konzerte auf der „Privates Kino“-Tour spielten.

Sechs Mannen auf der Bühne, sechs Brüder im Geiste und ein klares Ziel vor Augen: sich und uns – bitte um Verzeihung – den Arsch abzurocken. Nach allen Regeln der Kunst.

Nathalie Video

Der „Grünspan“ – keine 200 Meter Luftlinie vom Indra-Club entfernt, immerhin die Live-Wiege der Beatles, war stark besucht – und somit ein zwar präzis gerockter, aber absolut enttäuschend frequentierter Abend im Bremer „Tower“ gewissermaßen ausgebeult. Das Hamburger Publikum (von wegen hanseatisch unterkühlt) war von Anfang an heiß auf den Sechser aus Belzig, spendete kräftig bis euphorisch Applaus – auch für neue Nummern, die sich noch nicht so sehr in die Gehörgänge eingefräst haben. Die Band reagiert mit ungezügelter Spielfreude, mit Lust, Rudi Feuerbachs Gitarren-Solo in „Bunte Scherben“ beispielsweise, das war Carlos Santana in höchster Potenz. Ralf Benschu schwebte durchgehend in Höchstform durch die Arrangements. Roland Leisegang an den Drums flutscht vor lauter entfesselter Energie einmal ein Trommelstock ins Publikum, Spatz Sperling, der sich jüngst einen Vollbart sprießen lässt, kommt aus seinem soulful beseelten Dauergrinser gar nicht mehr heraus: schön – denn so sehen wir ihn am Liebsten.

Mensch Meier Video
Es ist dieses Feeling von angenehmer Lässigkeit, daß sich an diesem Abend durch das ganze Programm zieht. Die Band variiert geringfügig, aber ausgesprochen klug ihre Setlist. Zum Beispiel das anmutige „Projektil“, das in einem fulminanten E-Dur endet und fließend in das majestätische „Windstill“ (gleiche Tonart) hinüberbrandet. Ein hervorragender Effekt. Ein herausragendes Konzert.

Keimzeit-Bekannte wurden übrigens auch gesichtet: Walter Welke, der die jüngsten Platten-Cover gestaltete und einst für Palais Schaumburg ins Mikro röhrte, weilte im Publikum. Produzent Franz Plasa wiederum war zur Pop-Komm in Berlin verabredet.

Und auch das gabs: Teile des elektrofeld-teams unter Regie von T. Brumm haben sich erstmals im „realen Leben“ getroffen und zum Interview mit Norbert Leisegang verabredet – Eindruck: ein nahbarer, ehrlicher und sympathischer Zeitgenosse. Das Fazit: man muss diese Band einfach lieben. Ihre Songs. Ihre Texte. Mit ganzem Herzen.

Kommst Du mit ins Private Kino?

Eine private Rückblende aufs jüngste Album von Dirk Hardegen

>Privates Kino< hätte ein reines Rockalbum werden sollen. Hart, schnell, kompromisslos und das durchgehend – keine Ausnahme, keine Gefangenen. So hat es Norbert Leisegang dem Publikum wiederholt bei der aktuellen Tournee erklärt.

KinoKeimzeit kurios? Keineswegs. Schließlich war die Produktion des >Kinos< so etwas wie die letzte Nagelprobe für einen neuen Mann an der Gitarre – Rudi Feuerbach, der nun auch im Studio seinen Einstand geben sollte. Es liegt nahe, dass der feurige – zumal junge – Feuerbach mit frischen Licks und frischer Power das Projekt insgesamt beflügelte und anheizte: Mensch Meier, machen wir doch ne Rockscheibe!

Dass es in dieser Konsequenz doch nicht dazu kam (und mancher Fan wird wohl nicht böse sein), ist offenkundig dem vorliegenden Songmaterial geschuldet, das mitunter eine dogmatische Up-Tempo-Behandlung nicht gut vertragen hätte. Man stelle sich vor: Songs a la „Mailand“, „Vor den Ferien“ oder auch der Titeltrack in all ihrer verträumten Major-7-Akkord-Melancholie als schwitzende Rocker?! Lieber nicht.

Rudi

Vielleicht setzte sich auch die Ansicht bei Musikern und Produzenten durch, dass vielfach die Mischung ein gutes Album ausmacht – die Balance zwischen Groll, Schwermut und Entzücken, die sich eben auch in musikalischer Buntheit ausdrückt.

Jedenfalls tummeln sich neben Rock´n´Roll ebenfalls im >Privaten Kino< : elektrischer Walzer („Leicht bemerkt“), eine Spoken-Lyrics-Miniatur („Blut der ersten Sonnenstrahlen“) sowie diverse Nummern in moderatem Tempo, beispielsweise „Tage ohne Sex“ (das nebenbei auch einen vorzüglichen Albumtitel abgegeben hätte).

HartmutAlso doch alles beim Alten? Die bewährte Keimzeit-Mixtur, vielleicht mit einer Extra-Prise Rock? – Nicht ganz. Denn textlich bringt das Album einen neuen Zungenschlag. Chef-Schreiber Norbert Leisegang experimentiert mit einem bis dato so von ihm nicht gehörten Tonfall: mit ironischer Anmache, mit augenzwinkernden Angriffen, mit Schmäh.

Folgerichtig verlässt er dafür seinen assoziativen, poetisch verbrämten Dichtstil (der ja immer auch Spielraum für Interpretation lässt) und setzt stattdessen auf zupackende, direkte, plakative Zeilen, an denen es aber auch gar nichts zu deuteln gibt.

„Paul“ schüttelt den gleichnamigen Eifersuchtsbolzen heftig am Kragen. Uns, den Zuhörern, fällt der „Vorhang“ vor die Füße, wenn uns das Gehörte nicht auf Anhieb behagt. „Ganz normale Frauen“ und „Rentner“ bekommen eine doppelte Portion Fett weg.

Vor allem die beiden letztgenannten Lieder ernten denn auch nicht nur Beifall. Motiv der Kritik: so konkret die Songs in ihrer Aussage sind – so allgemein und undifferenziert bleiben sie in ihrer Ansprache. Wer nun aber sämtliche Frauenköpfe über einen Kamm schert, wer pauschal alle Alten nervig nennt, der textet auf dünnem Eis.

Spatzi

Die „Ganz normalen Frauen“ wollen zwar auf dem letzten Meter in der allerletzten Strophe noch die Kurve kratzen, wenn sich der Spott zur Liebeserklärung wendet. Bloß kriegen das, naja, sagen wir mal emanzipiert bewegte Seelen im Zweifelsfall gar nicht mehr mit. Die haben da längst schon den Song weggeskipt.

Das zu erwartende ´Graue Panter´-Gebrüll wegen der „Rentner“-Schelte wiederum, pflanzte immerhin ein paar hübsche Stilblüten in den Blätterwald. Pseudo-erboste Schlagzeilen. Aber: Norbert Leisegang relativiert die Schärfe des Textes inzwischen auch bei Live-Gigs, wenn er augenzwinkernd absagt: „… bin selbst bald soweit“.

NorbertEs gibt auch selbstironische Töne auf dem Album: mit dem offenbar autobiografisch gefärbten Text von „Sängerin“ nimmt sich der Schöpfer selbst auf die Schippe. Schließlich mutiert der Vokalist – einst der nette Mugge-Kumpel von nebenan – zur abgehobenen Diva, zur Sängerin.
Diese stolziert musikalisch im stoischen Rock daher, der durch die Wiederholung der Refrain-Zeile mantra-artiges Flair atmet. Die Gleichförmigkeit ist aber auch das Risiko der Komposition; man hat den Track rasch intus. Rudi Feuerbachs extrem dissonanter Akkord zum Schluss (ein E9minus) schickt die Monotonie in den Schredder. Wer hätte gedacht, dass ein derart fieser Akkord so wohltuend wirken kann?
Überhaupt: die Feuerbachsche Gitarre schwirrt metallisch, wie eine indische Sitar – nach der „Karawane“ vom Vorgänger-Album wieder ein Ausflug in exotische Klang-Gefilde. Und aus Hartmuts Bass-Riff klingt eine kleine Hommage an die Beatles heraus („Taxman“).

Produktionstechnisch schimmert noch mal ein Pilzkopf durch: in „Privates Kino“ verpasst Produzent Franz Plasa Norberts Stimme jenen Badezimmer-Echo-Effekt, der auch John Lennons Solo-Werke in den 70ern charakterisierte. Die Nummer wirkt insgesamt etwas düster, traurig und kraftlos. Warum die Studiofassung Ralf Benschus formidables Sax-Solo ausspart, das den Song live aus seiner bleischweren Trübsal heraus lotst, bleibt ein Rätsel.

Franz

„5 Sekunden“ lässt uns hinter den Vorhang linsen. Keimzeit Backstage. Letzte Handgriffe, Stress und vor allem Spannung unmittelbar vor der Show. Roland Leisegang lässt sich von alledem nichts anmerken, er bearbeitet seine Drums mit der Präzision eines Uhrwerks und Andreas Sperling winkt am Piano souverän zu den (überbewerteten) Kollegen von Coldplay herüber. Die Halbtonschritte in den Akkorden reflektieren spürbar die Spannung des Textes. Auch live ein Opener nach Maß.

RalfRudi Feuerbach bringt zu seinem Studio-Einstand gleich zwei Kompositionen mit: „Frauen“ und „Ferien“. Der erste Track bietet einen witzigen, aufschaukelnden Gitarren-Tremolo-Effekt, kommt ansonsten aber etwas steif und ungelenk rüber, eine Spur zu Schrammel-rockig.
Die „Ferien“ hingegen duften luftig und leicht, es ist die ungleich reizvollere Komposition und definitiv einer der schönsten Momente im >Privaten Kino< . Wer bei Rudis Slide-Gitarre nicht zergeht, wie ein Butterwürfel in der Ferien-Sommer-Sonne, ist vermutlich schon tot.
Ralf Benschu tupft geschmacksicher Querflöten-Läufe ins Bild, einer seiner spärlichen Auftritte auf der (vermeintlichen) Rockscheibe.

„Blut der ersten Sonnenstrahlen“ erinnert in seinem Strickmuster an „Zukunft“ (von >Smart und gelassen warten< ) – die gezupfte Akustikgitarre ist tempomäßig nicht ganz sauber geloopt, möglicherweise ein gewollter Irritationseffekt. Textlich packt Norbert Leisegang all seine poetische Verve, die er sich bei den Rockreißern verkneift, nun doppelt in den Track. Und der schrammt knapp an der Überladungs-Grenze vorbei.
Da hilft auch der sehr ausgiebige Dreh an der Effektkiste wenig, obwohl der Schlumpf-stimmige Mini-Nobbi natürlich schräg klingt und dem übergroßen Text-Pathos ein wenig ans Schienbein kickt.

„Tage ohne Sex“ sind ist da auf Anhieb nachvollziehbarer für den Zuhörer – sei er nun konkaver oder konvexer Natur. Musikalisch kommt auch diese Komposition etwas träge daher, trifft damit aber ganz gut das Flair, dass solche ungelebten Tage umweht.

Roland

„Leicht bemerkt“ schunkelt in seiner Drei-Viertel-Seeligkeit schwer dahin – die Instrumente klingen um eine Nuance verstimmt und sogar die Trommeln werden durch den Flanger gejagt. Ein eigenbrödlerisches Lied über einen Eigenbrödler. Im gesprochenen Part webt Norbert gar eine Portion ägyptische Mythologie mit ein: die Kreatur mit dem Kopf eines Hundes spielt offenbar auf die Gottheit Thot an, die als Hüter der göttlichen Ordnung und der Rituale und des geheimen Wissens galt. So einer kann sich im Kreise der Selbstdarsteller natürlich nicht amüsieren.

„Paul“, nimm den Druck raus. Glücklicherweise nimmt die Kapelle den Druck rein. Ungestüm, gleichzeitig sehr lässig wird hier gerockt. Gewiss ein ganz neuer Musik-Gestus für Keimzeit – die (zumindest auf den Plasa-Platten) doch meist kontrolliert und akkurat klingen. Ein Ansatz, den die Band mit „Mensch Meier“ (so, wie sich der Song jedenfalls live anlässt) offenbar fortzusetzen gedenkt. Gut so.

Und nun geht’s hinter die Raststätte. Nach „Mailand“. Wo die Band komplett alles im Griff hat. Und ganz großes Kino liefert. Bass und Gitarren kommen von der ersten Sekunde zwingend, fein Hendrix-ornamentiert, der Groove ist relaxt (nicht träge!!) und schiebt sich einem schwelgenden Refrain entgegen, den man am Liebsten ewig hören möchte.
Und wenn dann noch Feuerbachs Gitarre klebrig, sämig über die letzten Refrains herüberträufelt und all die Sehnsucht mit süßen Slides potenziert… ist das: cinemascope total, die Leisegäng at it´s best. Und mir fällt kein zweiter Sänger ein, der diese fabelhafte Komposition mit jener melancholisch-elegischen Note so anrührend auf den Punkt singen könnte. Einzigartig. Herausragend. Bezaubernd. Jetzt schon ein Keimzeitklassiker.

Norbert

Zu guter letzt fällt der „Vorhang“. Und noch einmal thematisiert sich die Band und ihre Befindlichkeiten selbst (auch das gab es so gehäuft noch nicht). Trotz des harschen Tonfalls im Text ein ganz versöhnliches Finale – denn glücklicherweise haben wir alle etwas in diesem >Kino< für uns entdecken können. Nach dem rockigen Auftakt kommt Roland an der Schießbude noch mal ganz stark nach vorn und klopft den vertrackten Beat der Strophe leger und überlegen. Warum darf sich der Mann nicht öfters austoben? Die Band bekommt den kniffeligen Wechsel zwischen bratzigem Rock und dem filigranen Funk bestens hin – auch live, wo der Song dank kleiner Textvariante ebenfalls funktioniert: ´denn der Abend geht zu Ende´.

Also Ende der Vorstellung im >Privaten Kino< . Die CD wandert zurück in die Verpackung. Schwarz-weiß ist sie, trotz Strahlemann Norbert im Bild, wirkt auch sie zu düster. Ein Frontmann allein in Großaufnahme, dazu der egozentrische Albumtitel, das hat ein bisschen was von: Soloscheibe. Was natürlich quatsch ist. Und doch: mit seinen unglücklichen Ironie-Experimenten hat Texter Norbert eine an sich reife Bandleistung ganz im Alleingang angreifbar gemacht. >Privates Kino< ist ein gutes Album. Nicht ihr bestes.

Es sind die „Halbmenschen“

Die Verteilung der CD hat nun begonnen, also auf zu einem Konzert und holt Euch eine der CD’s

Verteilung

Gemeinsam1

Soeben (Ortszeit 12Uhr) ist es offiziell: Keimzeits Beitrag zur Anti-Rechts-Kampagne ist nicht „Paul“ (schnüff, Wette verloren – siehe Forum!) – sondern – TA- TA- TAAAA: Halbmenschen.

Der Link: www.gemeinsamgegenrechts.de
Die Band kommentiert: „In den letzten Jahren ermöglichten Wirtschaft, Politik und Kultur ein gutes Gedeihen von HALBMENSCHEN. Der Drang nach Geld, Bequemlichkeit und die Überforderung vieler Menschen durch die Konsumwalze lähmen uns. Leidenschaft und Aktivität verkümmern zunehmend auf breiter Ebene. Es wird höchste Zeit für Ideen und Aktionen, um im Alltag der Halbwertzeit entgegenzuwirken.“ Noch Fragen?!

Gemeinsam2