Open-Air

Die andalusische Sonne, ganz jazzig-cool

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(Ein Bericht von Andrea Herdegen für die Frankenpost)

Keimzeit | Die acht Musiker haben bei ihrem Open-Air in Plauen heiße Latin-Rhythmen dabei. Im Hof des Malzhauses sprüht die Band aus Brandenburg vor Experimentierfreude.

Plauen„Für dich werfe ich leicht raus, was ich so verdiene. Für mich zählt lediglich die einzige stabile Währung Liebe.“ Locker und gelöst steht Norbert Leisegang am Mikrofon auf der Open-Air-Bühne im Hof des Malzhauses. Mit seinem ganz typischen, unverwechselbar-nöligen Gesang stellt er die Songs aus dem neuen Keimzeit-Album vor. „Stabile Währung Liebe“ heißt es und ist im sonnigen Andalusien entstanden.

Es sind heiße Rhythmen mit starken lateinamerikanischen Einflüssen, viel Jazz, Blues, Pop, aber auch kernige Rockmusik. Erfrischend lebendig präsentieren die fünf Musiker von Keimzeit die ausgefeilten, experimentierfreudigen Songs – die so gut passen, an diesem warmen Augustabend. Sogar einen ganzen Bläsersatz haben sie auf der Tournee dabei: Mit spritzigen Zwischenspielen und grandiosen Soli begeistern Robert Fränzel, Ralf Zickerick und Frank Braun an Tenorsaxofon, Querflöte, Posaune und Trompete.

Keimzeit – das sind zunächst einmal die drei Leisegang-Brüder: Roland am Schlagzeug und Hartmut am Bass liefern das rhythmische Grundgerüst, über dem Norbert seine metaphernreichen, poetischen Texte singt. Rudi Feuerbach an der Gitarre und Andreas Sperling am Keyboard vervollständigen die Band aus Lütte in Brandenburg, die es bereits seit 27 Jahren gibt.

Früher, da waren Keimzeit-Auftritte dank der treuen, stets der Gruppe hinterherreisenden Fangemeinde fast schon Familienfeste und dauerten leicht fünf Stunden. Offensiv nannten sie sich damals „Ostband“ und tourten fleißig von Saal zu Saal, bespielten die kleinsten Käffer. Heute gibt es diese Endlospartys nicht mehr. Alles ist professioneller geworden. Die Band setzt auf hohe musikalische Qualität und beschert dadurch dem Publikum herausragende Konzerte.

Absolut entspannt und unaufgeregt agieren die Musiker in Plauen. Ihr Spiel ist präzis und exakt arrangiert, aber trotz aller jazzigen Coolness niemals steril. Lauter lachende und freudige Gesichter sind auf der Bühne zu sehen. Mit unbändiger Spielfreude interpretiert man die neuen Stücke, die immer noch andalusische Sonne abgeben, vergisst aber auch die Klassiker nicht.

Der sympathische Frontmann Norbert Leisegang sucht stets den Blickkontakt mit den Zuschauern. An einen Schattenboxer erinnert sein lockerer Tanz, mit dem er sich auf der Bühne bewegt. Wenn es sein muss, geht er auch schwungvoll vor den Bläsern auf die Knie. Er ist natürlich geblieben, dieser einfallsreiche Songschreiber. Ganz unprätentiös gibt er sich. Seinem Publikum erzählt er kleine Geschichten über seltsame, sonderbare Vögel oder berichtet, wie er das Lied „Kind im Schlaf“ – nach einem Buch von Virginia Woolf – „buchstäblich aus dem Atlantischen Ozean gefischt“ hat.

Nach zwei Stunden Klangkunstwerken freuen sich die Besucher, die längst den Malzhaus-Hof zum Tanzplatz umgewidmet haben, über den absoluten Keimzeit-Klassiker: „Kling, Klang“. Hier hat Norbert Leisegang wenig zu tun, denn das Publikum singt den Liedtext komplett allein.