Auszeit, ungestört…

Ein Interview der PNN (Dirk Becker) mit Norbert Leisegang.

Auszeit, ungestört

Sänger Norbert Leisegang über die Gründe für die 14-monatige Bühnenpause von Keimzeit (5.9. 2007)

Von Dirk Becker

Natürlich gab es die Frage nach dem endgültigen Aus. Damit musste Norbert Leisegang rechnen. Die Band Keimzeit macht Pause. Im Dezember wird es noch sechs Konzerte geben, eines davon im Lindenpark. Danach wollen die Musiker zusammen erst einmal keine Bühne mehr betreten. Mindestens 14 Monate lang nicht. Das gab es in der 25-jährigen Bandgeschichte noch nie. Und so ist es nicht verwunderlich, dass mancher sich fragte, als er davon hörte, ob nicht mehr dahinter steckt. Denn bei vielen Bands ist diese längere kreative Pause nur der erste Schritt zum endgültigen Aus.

„Für uns als Band ist es schon ungewöhnlich, so lange nicht mehr auf der Bühne zu stehen“, sagt Norbert Leisegang, Sänger, Texter und Gitarrist. Das wird auch finanzielle Konsequenzen haben, denn die regelmäßigen Konzerte sicherten den Unterhalt der sechs Musiker. Für die Pausen von ein bis zwei Monaten, die es immer wieder in der Bandgeschichte gab, hatte man sich Rücklagen geschaffen. Doch 14 Monate, das ist eine sehr lange Zeit.

Es war seine Idee, sagt Norbert Leisegang mit ruhiger Stimme. Er ist jetzt 46 Jahre alt und mehr als die Hälfte seines bisherigen Lebens hat er mit der Band Keimzeit verbracht, die 1982 aus dem Projekt „Jogger“ hervorging, das Leisegang mit drei Geschwistern in Lütte bei Potsdam gegründet hatte. Neun Studio- und zwei Livealben und zahllose Konzerte später ist Norbert Leisegang „sprachlos, wortlos“. Er habe sich gefühlt wie der berühmte Hamster im Laufrad. Darum die Kreativpause. „Aus rein egoistischen Gründen“, sagt er mit feinem Lächeln.

Und warum gleich 14 Monate? Das ist nur die Zeit, die wir zusammen nicht auf die Bühne gehen, sagt Norbert Leisegang. Denn schon ab September 2008 wollen die Musiker für ihr neues Album, die Nummer 10, ins Studio gehen. Ein Teil der neuen Lieder ist schon geschrieben und auf den letzten Konzerten gespielt worden. Als Testballons, wie Norbert Leisegang es nennt.

Nach den Aufnahmen für das neue Album wird es Proben geben, die noch heute zum unabdingbaren Alltag von Keimzeit gehören. „Wir sind keine Band, die einfach auf die Bühne geht und spielt.“ Proben sind wichtig, damit das Herz der Musik, das Herz von Keimzeit, nach all den Jahren noch immer im richtigen Takt schlägt. Neun Monate dann also, die Norbert Leisegang nutzen will, um seine Sprachlosigkeit zu überwinden und „um einen klaren Satellitenblick auf meine Lieblingscombo zu bekommen“, wie er auf der Internetseite von Keimzeit schreibt. Doch er wird sich nicht in das stille Kämmerlein mit Stift und Papier zurückziehen und auf Eingebung für gute Texte und Melodien warten. Norbert Leisegang lässt es kommen, denn gute Ideen kann niemand erzwingen und erst recht nicht einen guten Text. Also wartet Norbert Leisegang. Er ist da Optimist. Aber er hat auch die Erfahrung der vergangenen 25 Jahre, in denen er ein paar Lieder geschrieben hat, die dauerhaft bleiben. Bono, der Sänger der irischen Band U2, hat gesagt, wenn einem ein wirklich guter Song gelungen ist, dann ist das so, als sei Gott durchs Zimmer gegangen. Norbert Leisegang wird Bono schon oft zitiert haben. Vor anderen aber auch vor sich allein. Und noch immer ist zu spüren, dass dieses Zitat für ihn Maßgabe ist, wie es sich anfühlen muss, wenn er ein gutes Lied schreibt.

Norbert Leisegang sagt, dass er ein Reisemensch ist, immer gern anderswo. Und er hatte auch überlegt, die Pause zu nutzen, um sich auf den Weg zu machen. Denn den größten Teil der freien Zeit wollte er nicht verplanen. Doch der Musiker in ihm ist stärker. Norbert Leisegang hat ein Angebot bekommen, mit einer fünfköpfigen Band Texte von Wilhelm Busch zu singen. Das hat ihn sofort begeistert und er hat zugesagt. Und so wird Norbert Leisegang im Frühjahr wieder auf der Bühne stehen. „Solche großen Projekte waren früher nicht möglich“, sagt er. Die kurzen Pausen zwischen den Auftritten mit Keimzeit, die oft keine waren, weil verlockende Angebote dazwischen kamen, hatten das verhindert. „Das ist fast schon Fügung. Wir haben uns zu dieser kompromisslosen Pause entschieden und dann kommt dieses Angebot.“ Auch die anderen Musiker werden eigene Projekte verfolgen. Sein Bruder Hartmut Leisegang will seinen Unterricht am Bass vertiefen und Pianist Andreas Sperling im Studio arbeiten. Die neun Monate Abstinenz sind schon jetzt, bevor sie überhaupt begonnen haben, eine feste Größe in der Bandgeschichte von Keimzeit.

Ob sich die Band Keimzeit durch die Pause vielleicht verändern wird, will Norbert Leisegang jetzt noch nicht sagen. Ganz ohne Wirkung werden die neun Monate aber nicht bleiben. Als Norbert Leisegang den anderen Musikern von seiner Idee erzählte, hat es viele Streitgespräche gegeben. „Reinzukommen und zu sagen: Lasst uns mal ein Jahr aussetzen, das war schon sehr naiv von mir.“ Das hat bei einigen auch Ängste vor dem endgültigen Aus geschürt. Doch für Norbert Leisegang stand das nie zur Debatte. Keimzeit, das ist für ihn nicht nur seine Band, das sind seine Freunde. Seine Stimme und seine Text sind Keimzeit. ?Es kann immer passieren, dass im September einige Musiker sagen, sie wollen nicht mehr?, sagt er. Aber Norbert Leisegang wird nicht dazugehören.

Im letzten Lied „So“ auf Keimzeits Debütalbum „Irrenhaus“ heißt es über einen Fluss:?Bitte lass ihn ungestört./Das Wasser weiß selbst, wo es hingehört.? Norbert Leisegang braucht jetzt auch Zeit, um ungestört zu sein. Aber wir können beruhigt sein. Er weiß, wo er hingehört.

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