Brüder, zur Sonne

Aus der Online Ausgabe der Märkischen Allgemeinen Zeitung, ein Bericht von Jörg Giese

Keimzeit haben ihre neuen Songs in Spanien aufgenommen. Das hört man.

Die Düsternis der letzten Alben wich südländischer Unbeschwertheit. Ein Besuch bei der Band im heimatlichen Lütte vor dem Tourstart.

Die Straßen in Lütte sind leer. Nur ein Mann, der in der Frühlingssonne seinen Hof fegt, schaut neugierig herüber. Im Blumenladen ist sich die freundliche Verkäuferin bei der Frage nach der Straße „Am Weinberg“ nicht ganz sicher. Viele Straßen wurden umbenannt, seit Lütte zu einem Ortsteil von Belzig wurde. Der Keimzeit-Manager hat es so erklärt: Gegenüber der Fleischerei rechts rein, das letzte Haus am Ende der Straße. Vor der Tür steht noch Osterschmuck. Ein Namensschild ist nicht zu finden. Aber eine Klingel. Roland Leisegang öffnet die Tür. „Der Schlüssel steckt doch“, sagt er und lacht. Roland, Schlagzeuger der Band, ist einer von drei Brüdern, die Keimzeit Anfang der 80er Jahre in Lütte gründeten. Von ihnen wohnt nur er noch im Ort.

„Stabile Währung Liebe“ heißt Keimzeits achtes Studioalbum, das jetzt erschienen ist. Vom Interview, das wir mit dem Manager verabredet hatten, weiß Roland nichts. Obwohl es in seinem Haus stattfinden soll. Während seine Frau Kaffee auf die Holzterrasse bringt und die Tochter für Unterhaltung sorgt, zieht Roland sich ins Haus zurück. „Der Sänger wird noch vom Bahnhof abgeholt“, sagt er. Norbert Leisegang ist der Kopf der Band. Er schreibt die Texte und die Melodien. „Ist ja irgendwie auch am Sinnvollsten, wenn ich das Interview gebe“, sagt er, als er eintrifft. Hartmut, der dritte Leisegang, und die anderen Bandmitglieder Rudi Feuerbach und Andreas Sperling kommen erst später. Zur Probe im kleinen Keller des Hauses. Die Woche drauf wechselt die Band ins Orwo-Haus in Berlin-Marzahn. Dort haben dann auch die Bläser Platz, die Keimzeit dieses Jahr mit auf Tour nehmen.

„Stabile Währung Liebe“ hat einen starken Latino-Einschlag. Den gab es schon auf den frühen Alben der Band. Aber irgendwann genügt Norbert Leisegang der „Müsli-Chanson-Rock ’n‘ Roll“ nicht mehr. Keimzeit sind Ende der 90er Jahre berechenbar geworden und brauchen eine neue Herausforderung. „Sonst hätten wir uns aufgelöst“, sagt Leisegang. Für das Album „Im elektromagnetischen Feld“ engagieren sie 1997 Franz Plasa, den Produzenten der Hamburger Rockband Selig. Er verpasst Keimzeit einen aggressiveren Klang. Plötzlich sind E-Gitarre, Störgeräusche und Elektrobeats zu hören. Norberts Texte verlieren ihre Unbeschwertheit. Das gefällt nicht allen Fans. Und auch einige Bandmitglieder fremdeln mit Plasa, der dominanter auftritt als frühere Produzenten und den Musikern schonungslos ihre Defizite aufzeigt. 2003 wird Gitarrist Ulle Sende durch Rudi Feuerbach ersetzt, dieses Jahr stieg auch Saxofonist Ralf Benschu aus. Obwohl Bläser auf dem neuen Album wieder eine größere Rolle spielen. Aber der Bruch war nicht mehr zu kitten. „Ralf fühlte sich schon länger als fünftes Rad am Wagen“, sagt Leisegang. Außerdem habe er sich mehr um seine Kinder kümmern wollen.

Wenn Leisegang auf schwierige Fragen antwortet, hält er einen Moment inne und starrt die Spitze seines Zigarillos an. Dabei verschatten buschige Augenbrauen den Blick des Sängers. Hat er eine Antwort gefunden, die ihm gefällt, reißt er die Augenbrauen hoch und zeigt sein bekanntes, breites Grinsen. So muss es aussehen, wenn Haie lächeln.

Für „Stabile Währung Liebe“ haben sich Keimzeit wieder einen neuen Produzenten gesucht, nach vier Alben mit Plasa. „Das kreative Potenzial der Zusammenarbeit war ausgereizt“, sagt Leisegang dazu. Dieses Mal saß Paul Grau an den Reglern, der im spanischen Motril ein Studio mit angeschlossener Pension betreibt.

Das Album klingt frisch und entspannt, gibt beim Abspielen einiges von der andalusischen Sonne ab, unter der es entstand. Den Opener „Dieses Mal“ schieben mächtige Blasersätze voran, „Die Nacht vor der Exekution“, ein Lied über den Abriss eines alten Hauses, tragen wehmütige Mariachi-Klänge. Dazwischen zahlreiche Pop-Perlen wie das übermütige „Für Dich“, eines von vielen Liebesliedern. Man hört den Titeln an, dass sie live eingespielt wurden und nicht, wie sonst, Spur für Spur. Keimzeit klingen weniger angestrengt als auf den letzten Alben. Die Band muss sich nichts mehr beweisen. Jetzt erlauben sie sich wieder eingängigere Titel, die musikalisch zwar an das Frühwerk anknüpfen, aber satter und abwechslungsreicher arrangiert sind. Vier Jahre haben Keimzeit sich Zeit gelassen seit dem letzten Studioalbum „Privates Kino“. 2006 war noch die Live-CD „Mensch Meier“ erschienen, 2007 gab es einige Konzerte zum 25-jährigen Bandjubiläum, dann war erst mal Pause. Die Keimzeit-Mitglieder widmeten sich Solo-Projekten. Norbert und Roland hatten sich immer wieder als Kampfhähne profiliert, zwischen denen Hartmut vermitteln musste. „Außerdem schreiben sich Texte nicht mehr so leicht, wenn man älter wird“, erklärt der Sänger. Irgendwann sei beinahe jedes Thema abgehandelt. Inspiration fand er schließlich bei Wilhelm Busch, dessen Werke er 2008 mit dem Projekt „Club der Toten Dichter“ vertonte. Buschs volkstümlicher Stil ist auch dafür verantwortlich, dass die Keimzeit-Texte heute zugänglicher klingen als früher.

Inzwischen ist auch Bassist Hartmut Leisegang eingetroffen. Kurz darauf kommt Andreas Sperling, der schlaksige Keyboarder, in den Garten geschlurft. Auf die Frage, ob er die wachsende Macht der Leisegangs fürchte, jetzt, da die Brüder die Mehrheit in der fünfköpfigen Band stellen, antwortet Sperling: „Ich bin schon so lange dabei, ich bin beinahe auch schon ein Bruder.“ Im Übrigen mache die Verwandtschaft es den Leisegangs nicht leichter, sich auf einen Nenner zu einigen. „Es gibt zwischen ihnen keine besonderen Bande.“ Da dreht sich Hartmut um und ergänzt schelmisch: „Nur die versteckten.“

Aufstieg der Leise-Gang
Mit ihren Live-Auftritten scharen Keimzeit schon früh eine eingeschworene Fangemeinde um sich, lange, bevor 1990 ihr Debüt „Irrenhaus“ erscheint. Ihre Musik speist sich aus Blues, Rock und Pop, die Texte von Sänger Norbert Leisegang sind verspielt-poetisch.

Gegründet als Jogger, benennt sich die Band aus Lütte 1982 in Keimzeit um. Gründungsmitglieder sind die Leisegang-Brüder Roland, Norbert und Hartmut sowie ihre Schwester Marion, die 1989 wieder aussteigt. Familienfeiern und Dorfkneipen bieten erste Auftrittsmöglichkeiten.

Die frühen Konzerte, abseits des staatlich gelenkten Musikgeschäfts organisiert, dauern nicht selten über fünf Stunden. Die Bluesrockfans in Römerlatschen, die Keimzeit scharenweise durch die Republik folgen, bringen der Band oft Ärger mit der Obrigkeit ein.

Mit „Kling Klang“ vom dritten Album „Bunte Scherben“ (1993) landet die Band ihren ersten und einzigen Hit.

Für „Stabile Währung Liebe“ haben Keimzeit das Label Comichelden gegründet.

Alle Keimzeit-Musiker engagieren sich in Nebenprojekten. Norbert gibt musikalische Lesungen, Roland fördert in Belzig Nachwuchsmusiker, Hartmut erteilt Musikunterricht, Rudi spielt im Undertaker Blues Projekt und Andreas arbeitet als Produktionsassistent (u. a. für Peter Maffay und Rosenstolz).

Ab 15. Mai gehen Keimzeit aus Lütte wieder auf Tour. Termine unter www.keimzeit.de. jg

Share Button

Kommentar verfassen