„Inhalte müssen her!“

20 Jahre nach dem „Mauerfall“: Interview mit der „Ostband“ Keimzeit

Von Ingo Arntz / Foto Thorsten Schiller / Mit freundlicher Genehmigung der Neuen Rheinischen Zeitung

Keimzeit – eine Band aus Deutschland. Doch bei diesem Namen klingelt bei vielen Westdeutschen erst einmal nichts. Nach einer Zeit wird vielleicht jemand bemerken: „Ah, ist das nicht die Ostband mit dem Song ‚Kling Klang’, der damals zur Wendezeit ab und zu mal im Radio lief?“ Beides ist richtig: Die Band, die sich mittlerweile vor 27 Jahren aus den Geschwistern Leisegang hervortat und es 1993 mit ebendiesem Song in die Hitparaden schaffte, wird – zumindest im Westteil der Republik – oft auf genau diese Parameter reduziert. Dabei steht Keimzeit für deutlich mehr.

Die Band um den Sänger und Texter Norbert Leisegang, die derzeit mit ihrem mittlerweile neunten Studioalbum „Stabile Währung Liebe“ auf Tour sind, zählt seit langer Zeit zu dem musikalisch Innovativsten und als Liveband dem Versiertesten, was sich in diesem Land so tummelt. Die Songtexte liefern darüber hinaus geradezu wahre Perlen der Poesie.

Gelingt es also auch im zwanzigsten Jahr nach dem Fall der Mauer immer noch nicht, die ewigen Ost/West Schubladen endlich einmal zu entrümpeln? Darüber und was in den letzten 20 Jahren noch so alles passiert ist, hatte Ingo Arntz Gelegenheit mit Norbert Leisegang im Rahmen des Kölner Gastspiels in der Kantine am 19.11. zu sprechen – die Redaktion.



„Keimzeit – Blues, Boogie Swing/Amateurband der Sonderstufe“ so die Genrebezeichnung vor 27 Jahren auf einem Zertifikat über die Band. Auf eurer neuen Platte kündigt ihr musikalisch an: „Dieses Mal soll es anders werden“. Auf was müssen wir uns heute Abend einstellen?

leisegang_arntz_thschillerEine ganz schöne Zeitspanne, 27 Jahre. Wenn ich mich daran erinnere, als wir begonnen hatten, Musik zu machen, waren wir vier Geschwister, drei Brüder und eine Schwester, und haben uns dann erweitert durch einen Gitarristen, Keyboarder und Saxophonisten. Damals hatten wir wirklich viel Blues, Boogie-Swing gespielt, wir waren so inspiriert durch die anglo-amerikanische Szene, aber auch – und das hat für mich den Startschuss gegeben – durch die neue deutsche Welle. Also, dachte ich: Lass ich das Singen auf Englisch und nehme meine Muttersprache. Ich habe dann Songs geschrieben wie „Irrenhaus“, „Frau aus Gold“, „So“ und „Singapur“. Das waren die Anfänge in den 80er und 90er Jahren…

Mittlerweile haben wir nun im letzten Jahr unser neuntes Studioalbum aufgenommen… und haben es „Stabile Währung Liebe“ genannt. Ein Song heißt „Dieses mal soll es anders werden, leuchten soll sie anstatt zu sterben, dieses Mal“. Das ist eigentlich eine sehr private Betrachtung über die Liebe. Mittlerweile sind wir zwischen 40 und 50 Jahre alt, und jeder hat das alles schon durch: Man hat sich verliebt, man hat etwas aufgebaut, Familien, Beziehungen, und die sind irgendwann wieder zusammengebrochen. Oder man hat große Krisen durchlebt, und man kommt ja nicht umhin, sich irgendwann wieder zusammenzureißen, sich zu sammeln und einen neuen Startpunkt zu setzen.

Insofern habe ich irgendwann gemerkt, das ist eigentlich eine sehr spannende Geschichte, wenn man merkt, jetzt lass ich das mal alles einfach hinter mir und setze einen neuen Startpunkt: „Dieses mal soll es anders werden, leuchten soll sie, anstatt zu sterben, dieses Mal“.

… aber vielleicht ja auch sinnbildlich gesprochen? Ihr hattet 25jähriges Bandjubiläum und danach zwei Jahre Pause und „Dieses Mal soll alles anders werden“?

(…) Wir haben schon nach den Jubiläumskonzerten 2007 gemerkt, dass es so nicht weiter geht. Bis dahin war alles sehr flüssig und sehr klar, aber dann merkte ich, ich hatte keine neuen Songs geschrieben, möglicherweise wäre das auch das Ende der Band Keimzeit. Da musste man dann einfach mal in Klausur gehen. Ich war viel unterwegs, in England und Spanien und fragte mich: Gibt es denn noch neues zu erzählen, gibt es einen neuen Beginn für Keimzeit? Und den gab es dann im Sommer 2008: Ich habe die Band angerufen und gefragt: „Leute, seid ihr dabei, oder hat jetzt jeder etwas anderes gefunden…?“ Und es waren alle, bis auf Ralf Benschu, unseren Saxophonisten, dabei, und darüber bin ich sehr froh. Ob nun alles anders wird? Ich glaube nicht, wir sind nun ja auch schon das dritte oder vierte Mal in Köln in der Kantine – und ich bin es auch gern.

Heute vor wenigen Tagen war der 20. Jahrestag des Mauerfalls. Was geht dir oder euch in diesen Tagen durch Kopf?

Eine ganze Menge: Da hat man jetzt diesen Anlass „20 Jahre Mauerfall“ überstrapaziert gefeiert. Und da wir 1989 auch das erste Mal ins Studio gingen und unser erstes Album aufnahmen, mit diesem Song „Irrenhaus“, der gewissermaßen als Soundtrack für diese Zeit um den Mauerfall und danach im Osten Deutschlands lief, sind wir natürlich mit dem Mauerfall und diesen Veränderungen eng verknüpft.

In „Irrenhaus“ finden sich die Zeilen „Irre ins Irrenhaus, Schlaue ins Parlament…“ Hat sich diese Hoffnung in den 20 Jahren Zwischenzeit für dich bewahrheitet? Wie bewertest du die politische Kultur in Deutschland im zwanzigsten Jahr nach der Maueröffnung?

leisegang_int_thschiller02Zunächst einmal: Ich hatte diesen Song bereits 1984 geschrieben. Damals war an gesellschaftliche Veränderungen gar nicht zu denken. Es ist so wie oft passiert: Wir haben den Song aufgenommen, der dann plötzlich im Radio gespielt wurde, und parallel dazu wurde die deutsche Einheit eingeläutet… und wir haben dann dadurch dieses Album auch sehr gut verkauft. Aber, ich habe diesen Song nicht unbedingt geschrieben, weil sich da gerade etwas tat.

Und auf die Frage, ob es nun wirklich so passiert ist, dass die Schlauen auch ins Parlament gekommen sind: Eine ganze Menge schlauer Leute sind immer im Parlament. Das habe ich damals festgestellt, und das stelle ich auch jetzt fest. Aber jetzt kommt hinzu, dass mir just in diesem Sommer ein Parlamentarier sagte, es sei ja wohl ein Witz, wenn die Schlauen ins Parlament gingen, seien sie gar nicht wirklich schlau, denn sonst gingen sie vielmehr in die Industrie. Und in sofern hat sich da eine Menge in diesem Komplex Regierung-Industrie verändert. Aber dafür müssten wir jetzt vertieft über die Politik sprechen…

Vielleicht könnten wir dann aber über Demokratie-Kultur sprechen. Wir erleben seit geraumer Zeit eine Erosion der Bürgerrechte… Gerne spricht man in diesem Zusammenhang auch von „Stasi 2.0“. Siehst du da Parallelen zu früher?

Die Demokratie ist für mich sowieso erst einmal nur ein Oberbegriff für die Verhältnisse, die wir jetzt in Deutschland haben. Ich weiß jedenfalls noch, dass es unmittelbar nach der Wende noch eine Menge Bereiche in Kultur und Gesellschaft gab, die „gesetzlos“ waren. Man wusste in Dresden, Berlin und Cottbus einfach oft nicht wirklich, wie das denn mit diesem oder jenen bundesdeutschen Gesetz ist. Also hat man das irgendwie selbst geregelt, und das fand ich sehr belebend und auch sehr rebellisch. Mittlerweile hat sich auch die Gesetzesgebung auf ganz Deutschland ausgebreitet, so dass jetzt viele Dinge nicht mehr möglich sind…

Ein Künstler sieht immer ganz viele Probleme, die um ihn herum passieren, und hat erst dann wirklich Material für seine Songs. Würden wir also alle im Schlaraffenland leben, würde ich wahrscheinlich auch keine Musik mehr machen.

Formate wie Myspace oder Lastfm prägen heutzutage die Musiklandschaft entscheidend mit. Wie bewertest du diese Entwicklung, siehst du darin eher Chancen oder Risiken für dich als Künstler, für die Musikkultur allgemein?

Das ist sehr progressiv. Zum einen, dass es das Internet gibt, zum anderen, dass es Programme wie Pro Tools und Cubase, gibt, um möglichst schnell und einfach Songs aufzunehmen. Es ist auch sehr angenehm für Musiker, sich über Myspace oder Youtube zu verbinden… Am Ende muss man jedoch auch wieder sehen, wer Songs schreibt und wer Geschichten entwirft – es müssen Inhalte her! Ohne Inhalte ist dieses Netzwerk und sind die tausenden Informationen recht sinnlos. Letztendlich kommt ein Künstler oder ein Songwriter nicht umhin, einfach gute Songs zu schreiben. (…)

Es mutet etwas merkwürdig an, euch immer noch als „Ostband“ bezeichnet zu sehen, da ihr seit zwanzig Jahren eine Band aus „Gesamtdeutschland“ seid und eure erste Platte auch erst nach dem Mauerfall veröffentlicht habt. Dennoch erfahrt ihr hinsichtlich des Bekanntheits- und Beliebtheitsgrades immer noch ein deutliches Ost-West-Gefälle. Ist da möglicher Weise auch immer noch eine Portion Ignoranz aus dem Westen im Spiel?

keimzeit_bridgeZum ersten: Es ist sicherlich so, dass wir aus Brandenburg, Potsdam und Berlin stammen. Das ist unsere Herkunft, und die würde ich niemals leugnen wollen. Dass dann aber Medien oder überhaupt Menschen immer Schubladen brauchen und sagen: „Keimzeit ist für mich eine Ostband…“ Damit habe ich auch kein Problem. Wenn man aber daher kommt und sagt: Das ist eine Ostband, und das kann keine gute Musik sein, ist das natürlich total ignorant, und dann würde ich sagen: Bullshit, hört euch die Musik an! Insofern treffe ich auch immer wieder, beispielsweise hier in Köln, auf Leute, die einen sehr weiten Horizont haben und in dieser Schublade Ost/West gar nicht denken… Und ich hoffe, dass ich auch in Zukunft nicht mit Borniertheit unbedingt umgeben sein werde.

Wie lange wird es die Band Keimzeit noch geben?

Das lässt sich nicht voraussehen. Ich habe gerade gemerkt: Die Band Keimzeit lebt auch dadurch, dass sie laufend eine Krise hat. Wir haben bestimmte Hoch-Zeiten, wo alles super läuft, und dann aber bricht das Konzept „Freunde machen Musik“ total in sich zusammen. Dann gibt es Streit und Totschlag. Dann muss diese Krise überwunden werden, um wieder coole Musik zu machen und ein cooles Album aufzunehmen. So lange das funktioniert, wird es auch Keimzeit geben.

Wer ist derzeit dein Lieblingsinterpret?

Ich mag das Album von „Whitest Boy Alive“ sehr gerne, das ist gerade mein Lieblingsalbum. Ansonsten ist die Palette, die wir hören, ziemlich breit. Das letzte von „Dratch“ mag der Keyboarder sehr gerne, wir hören gemeinsam, was im Hause „Tool“ passiert. Was Jan Plewka macht, solo, oder mit der Band „Selig“ ist auch immer von Interesse. Es gibt eine ganze Menge innovativer und guter Musik.

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