NACHKLANG

Heiligenstadt. Als ich die Karten reservieren ließ, meinte der nette Herr am Telefon, dass die Örtlichkeit, der großen Nachfrage wegen, eine andere sein könnte, was freundliche Hinweise im Elektrofeld und bei Keimzeit bestätigten. Also nur die fünf Kilometer bis Uder noch, zur „Riedelsburg“. Der Saal, zunächst halb voll, schon im Halbdunkel und mächtig kalt, hatte fast was Nostalgisches, „…neun mal neun Meter Holzparkett…“, mir kam seltsamerweise ein Film in den Sinn, der KEIMZEIT vor Jahren porträtierte. Aber zurück.

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Gegenüber der Bühne saß ein entspannt wirkender Norbert Leisegang auf der Heizung und versorgte uns und sich mit Musik. Hier und da war einer der Musiker zu sehen, bevor sie alle hinter der Bühne verschwanden. Wir suchten einen hübschen Platz etwa dort, wo wir die dritte Reihe vermuteten. Doch die ersten beiden blieben überraschend frei. Das hieß unverstellter Blick auf meine Lieblingsmusiker! Dafür bin ich gern die paar Kilometer weiter gefahren.

Jetzt endlich KEIMZEIT!

Begrüßt von diesem unvergleichlichen, wärmenden Lächeln tauchte ich ein in das wunderbar klangvolle Meer, in dem ich mich so gern treiben lasse, weil es mich in Bewegung hält, ob es mich heftig rüttelt oder sanft umspielt. Was mit IRRENHAUS begann, führte weiter über MENSCH MEIER, PAUL und B.H., Lieder, die laut und heftig ihre Botschaft präsentieren und über solche,die das ganz leise tun, aber nicht weniger eindringlich: SO oder SINGAPUR, das so viel Fernweh und Sehnsucht in sich zu tragen scheint. Andere bestechen durch mitreißende Rhythmen wie BUNTE SCHERBEN, KLING KLANG, NATHALIE – hier ganz ohne Vorsagen und amüsant: Ralf und Rudi, auch weil sie ihre Instrumente so hinreißend russisch erklingen lassen – und DIESES MAL, beflügelt von Ralfs Querflötenspiel spricht es mit viel Schwung und sehr charmant verborgen geglaubte Wahrheit aus, die Norbert wahrscheinlich bei all den anderen Träumen, Hoffnungen und fernen Gedanken irgendwo dort, wo Raum und Zeit verschwimmen, zugeflogen sein muss. Vielleicht im Heißluftballon…? TOKIO SKYLINE, ebenso wunderschöne Poesie wie schon AM RANDE oder auch WAS ICH IM WASSER SAH, bei dem man Norbert doch von ganzem Herzen wünscht, er möge die Arme finden, in die zu sinken er ersehnt.

Meine Befürchtung, Roland könne im teilweise sehr dichten Nebel versinken, bestätigte sich zum Glück nicht. Er war (fast) immer sympathisch unaufdringlich deutlich hörbar. Eine Verschnaufpause gönnte ihm Andreas, der eher zurückhaltend im hinteren Teil der Bühne meist ganz versunken in sein Piano-spiel auch mit Gitarre, Gesang und eben Schlagzeug seine Vielseitigkeit zeigte. Die von Rudi mit viel Frische vorgetragenen Songs wurden vom Publikum mit gewohnt großer Herzlichkeit aufgenommen (an der Stelle fällt mir Ulle Sende´s geniale Interpretation von Lennon´s JEALOUS GUY ein…verzeih mir, Rudi, immer dieses Kramen in der Vergangenheit, ich wäre blind, wenn ich nicht erkennen würde, dass du die Combo bereicherst und unbedingt dazugehörst).

Dass Ralfs virtuose Darbietungen an Saxophon, Klarinette und Querflöte eine unglaublich intensivierende Wirkung haben, möchte ich doch gern nochmal erwähnen. Auch deshalb mag ich diese „freieren“ Stücke, die Musikern wie Zuhörern Raum bieten zum Entfalten, Vertiefen, Fühlen, Sein… und weil Hartmut mit Tönen aus längst vergangenen Kindertagen so fröhliche Bilder hervorzaubert. Am Ende mit reichlich durcheinandergewirbelten Eindrücken und Empfindungen ans Ufer gespült, bleibt die Frage, wer die Karten teilt.

Und ein auf der Bühne zurückgelassenes Blatt Papier, das die Lieder des Abends ganz nüchtern und sachlich auflistet. Welch ein Gegensatz zu dem gerade Erlebten! Meine kleine KEIMZEIT-Serie ist somit beendet. Crimmitschau, Nordhausen, Erfurt, Uder und eine dieser wunderbaren Lesungen – jeder Abend war anders, jeder besonders. Alles wie Samen, die sich in die Erinnerung aussäen, um Sehnsucht wachsen zu lassen. Keimzeit eben.

Bericht: Angela

Foto: René Homuth

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