Brumm’s Fischbrötchen

„Sonntag Kleidermarkt“ steht über der Eingangstür.
„10 bis 13 Uhr“
Ganz schön clever diese Nordlichter, denke ich mir, wenn heute Abend hier der Bär tobt kann man sich morgen gleich mit neuen Klamotten eindecken. Oder seine alten wieder zurückkaufen. Wie auch immer. Aber wir sind ja extra für den heutigen Abend angereist.

„Lasst uns doch einen kleinen Samstag-Abend-Musik-Ausflug unternehmen!“, hatte Torsten vorgeschlagen. „Ist doch nur ein Katzensprung von Hamburg!“ Aus zusammengekniffenen Augenschlitzen schauen Dominik und ich uns an. „Ooooch!“, quengle ich: „Katzensprung? Geschlagene zwei Stunden sind es bis Husum!“
Es ist zwar schon mittags, aber so richtig wach sind wir nach dem gestrigen Konzertabend alle noch nicht. „Schon wieder Keimzeit?“, fragt Dominik mit einem versteckten Augenzwinkern in die Runde, welches gleichzeitig Vorfreude signalisiert. „Aber vorher gehen wir erst mal schön frühstücken!“ Jeglicher nicht vorhandener Widerstand ist gebrochen, die wichtigsten Sachen werden verstaut und nach einem ausgiebigen Frühstück gegen 14 Uhr mit erweckendem Kaffee machen wir uns zu 16 Uhr auf den Weg an die Nordsee.

Die Sonne kitzelt uns in der Nase als wir Hamburg mit dem Auto verlassen. Richtung Husum steht auf dem Autobahn-Wegweiser. Jetzt erweist sich unser spätes Frühstück als cleverer Schachzug. Die morgendliche Blechlawine ist schon lange durch und so rollen wir auf fast einsamen Strassen unserem Ziel entgegen. Weites flaches Land, ab und zu versteckt sich ein Haus zwischen einsamen Bäumen. „Schön hier!“, stellt Dominik fest. „Ja, ruhig und etwas einsam!“, erwidere ich. Man hat sich halt schon so sehr an den Trubel der Großstadt gewöhnt, dass man ihn zwar einerseits verabscheut aber andererseits auch nicht auf Dauer missen mag. Trotzdem zieht auch mich dieses Land in seinen Bann. Hier, wo die Kühe, Pferde und Schafe zahlenmäßig dem Menschen weit überlegen zu sein scheinen, kann ich meinen Blick weitgehend ungehindert schweifen lassen und den müden Augen ein wenig Erholung gönnen. Torsten tut dies auf seine Weise, indem er es sich auf der Rückbank gemütlich gemacht hat und den Blick eher inwendig schweifen lässt. Doch auch die schönste Fahrt findet irgendwann ihr Ende und Husum taucht vor uns auf. Nach einer leicht verwirrenden Hotelsuche durch diverse Einbahnstrassen machen wir uns alsbald auf den Weg zur Konzertstätte. Dieser führt uns durch „die schönste Fußgängerstrasse Husums“ was mich kurzzeitig zum Nachdenken über den Sinn dieser Aussage anregt, stellt sich die Stadt doch eher als Städtchen dar. Sei’s drum, wir wollen ja nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen, und außerdem lockte uns eher eine abendliche Stärkung vor der künstlerischen Darbietung.

Am Einlass bekommt jeder erst einmal einen Stempel mit dem Wort „Kopie“ auf die Hand gedrückt. Ehe ich weiter darüber nachdenken kann ob wir denn nun als Kopie unserer selbst gebrandmarkt oder zur Kopie freigegeben wurden fällt mir die hell leuchtende Farbe der Kopie auf. Aha, mit UV-Licht angestrahlt. Drei Schritte weiter ist der Stempelaufdruck jedoch gänzlich verschwunden. Unsichtbare Farbe, die unter UV-Licht leuchtet! Wahnsinn. Ehe ich mich jedoch weiter der Frage widmen kann, welchen Farbton unsichtbare Farbe eigentlich hat, schaue ich mich erst einmal im „Speicher“ um. Wahrscheinlich war dieser ehemals wirklich ein Speicher oder eine Scheune, ragen doch an einigen Stellen mitten im Raum hölzerne Stützbalken zur Decke, einer davon direkt vor der Bühne. Als ob wir nicht gestern im Hamburger Logo schon ob dieser dort ebenfalls installierten Konstruktion leicht erzürnt waren. Vielleicht eine typisch norddeutsche Eigenart. So kann sich die Band bei Bedarf vor dem Publikum verstecken (oder auch andersrum). Ob man von diesem Angebot Gebrauch machen wird sollte sich im Laufe des Abends herausstellen. Ansonsten befinden wir uns in einem relativ kleinen Raum, der Platz für vielleicht 150 bis 200 Zuschauer bietet. Etwa 40 mögen schon anwesend sein, uns eingeschlossen. Es ist 20.15 Uhr, in 15 Minuten beginnt das Konzert!

Am Merchandising-Stand hat Torsten ein paar vertraute Gesichter erspäht, was sogleich mit einem herzlichen „Hallo“ quittiert wird. Auf die Frage, ob er denn diesmal keine Bilder machen wolle, setzt er zu einer ausführlichen Erklärung an: „Nö!“. Nun gut, gibt es also keine aktuellen Bildbeweise. Aber ich bin ja nicht Schuld!!
Ein kurzer Plausch und schon hören wir das vertraute „Meine sehr verehrten Damen und Herren, teure Freunde, Guten Abend im Speicher zu Keimzeit…“.
Also noch schnell an der Flaschenausgabe vorbeigeschaut und einen schönen Platz in der Nähe der Bühne gesucht. Und nun offenbart sich die Hinterhältigkeit der schon beschriebenen Bühnenkonstruktion. Immer wieder verschwindet der Sänger hinter dem standhaften Stützbalken. Umso schöner ist es, wenn er dann mit einem verschmitzten Lächeln an diesem vorbei auch zu uns herüber schaut. Doch auch seine Mitstreiter haben an diesem Abend ein wenig zu leiden. In der Annahme, dass Rudi als Leuchte am Saiteninstrument keine solche benötige, lässt der örtliche Lichtdesigner ihn anfangs im Dunkeln stehen. Da Norbert jedoch in seiner grenzenlosen Bescheidenheit nicht alles Licht für sich beanspruchen will, bittet er um eine Erleuchtung für den armen Gitarristen. Leider ist nur grünes Licht verfügbar, was nicht gerade eine Verbesserung darstellt. Leicht irritiert kämpft sich unser Rudi als Zombie-Musiker durch den ersten Teil des Abends. Mit Hartmut auf der anderen Seite der Bühne will er jedoch auch nicht tauschen, denn dieser schwenkt sein Haupt bedrohlich nah unter einem grell-gelben Scheinwerfer, der ihm das ohnehin spärlich verbliebene Resthaar zu versengen droht. Aber auch er schnürt seinen Umhang mit dem roten S auf der Brust fester und hält tapfer durch. Tonmann Jürgen wird heute nach gelaufenen Metern bezahlt, ständig muss er hinter die Bühne kriechen, weil die Töne nicht nach seinem Wunsch erklingen. Einzig unser Bläser-Barde Ralf gibt sich ungewöhnlich erheitert. Sieht man ihn sonst eher mit stoischer Gesichtsmimik sein Werk verrichten, so fällt doch sein Grinsen diesmal allen auf. Hatte er etwa Husumer Seetang geraucht? Oder von den überlagerten Keksen aus Amsterdam genascht? Niemand kann es uns verraten, doch seinem Spiel tut dies keinen Abbruch.

Inzwischen hat sich die Zahl der Zuhörer auf geschätzte 80 verdoppelt. Ich schaue mich ein wenig unter den Anwesenden um. Wie bei fast allen Konzerten eine Mischung aus älteren und jüngeren Konzertgängern, die meisten in die landestypischen wärmenden Pullover gehüllt. Obwohl ich mir anfangs über den Bekanntheitsgrad der Band unter den Anwesenden kein rechtes Bild machen kann, so offenbart sich doch ein einheitliches Mitsing-Verhalten, als die ersten älteren Lieder, wie z.B. Irrenhaus, angestimmt werden.

Am Vorabend in Hamburg waren noch Showbiz-Größen anwesend wie der Produzent Franz Plasa oder Kim Frank – ehemals Sänger der Band Echt und nun auf Solopfaden, selbst Fotograf Walter Welke ehrte mit seinem Besuch. Dieses fand den heutigen königlichen Abschluss in „Kuhrina“.
Diese niedlich wohlgestaltete Fee im Kuhoutfit bietet den „Hingucker“ an diesem Abend. Bis ins kleinste Detail bedacht, macht sie eine adrette Figur in Kuhstiefel, Kuhrock, Kuhjacke, Kuhkopf auf dem Shirt, ein Schal mit Kuhköpfchen als Bommel, Ohrringe sind ebenfalls Kuh und selbst charakterfest ist ihr Gürtel, der ein wenig an den Kampfgürtel einer Comic Figur – sei es Batman – erinnert. Statt der Fledermaus prangt eine Kuh inmitten der Schnalle. Später erzählt uns „Kuhrina“, dass sie eben einfach auf diese Tierchen steht. Auch zu Hause sei so gut wie alles Kuh. Hauptsache Schwarz / Weiß.

Nach der Verkündung einer kurzen Pause begibt man sich gemeinschaftlich an die Theke um den Flüssigkeitsverlust mit einem Flaschengetränk mit Bügelverschluß auszugleichen. Selbst die Band macht mit und lässt sich hier und da in ein kurzes Gespräch verwickeln.
Nachdem Norbert seine Getreuen wieder auf der Bühne versammelt hat geht der lustige Abend in seine nächste Runde. Insbesondere Kling Klang lässt die Husumer und Zugereiste an diesem Abend tanzen und singen. In diesem zumindest sind sich alle einig gesangsfest. Auch Tequila oder Bunte Scherben werden vielstimmig intoniert. Getränk des Abends ist Bier. Gänzlich „Betrunken“ scheint aber an diesem Abend niemand. Bisher für mich nie Gehörtes spielt sich jedoch bei Nathalie ab. Während Norbert die Strophen in absoluter Ruhe alleine singt scheinen die Anwesenden mit Beginn des Refrains regelrecht auszuflippen.
Mit einig schönen Zugaben entlassen die Musiker uns dann in die Nacht. Wir beenden diese vor dem zu Bett gehen bei einem Guinness / Milchkaffee im Irish Pub.

Der nächste Morgen weckt uns kalt, aber sonnig. Eigentlich ein perfekter Nordsee-Erholungs-Wandertag, aber wir müssen leider wieder nach Hause. Trotzdem begeben wir uns nach einem spartanischen Frühstück noch zu einem kurzen Bummel an den Hafen und Marktplatz neben dem Speicher. Dort wurde inzwischen ein wildes Markttreiben inszeniert. Fliegende Händler bieten an bunten Buden ihre Waren feil. Alles ist vertreten, „Brumm’s Fischbrötchen“ neben einem Eisstand und einer Bierbude. Wir haben dann schnell ein Beweisfoto gemacht. Ist aber nichts geworden, weil wir später gemerkt haben, dass keine Batterien in der Fotomaschine waren. Rentner aller Altersklassen eilen umher, wahrscheinlich extra mit Reisebussen zu diesem Ereignis herbeigeschafft. Doch wir verabschieden uns nach einem kurzen Rundgang, wollen nach Hause. Auf der Rückfahrt, vorbei an Kühen, Pferden und Schafen, macht es sich Torsten wieder auf der Rückbank bequem. Ich lasse noch ein wenig den Blick auf dem weiten Land ruhen, denke mit Wehmut an die vergangenen Tage und freue mich schon auf die Zeit die noch vor uns liegt. Mit Freunden auf und vor der Bühne.

Bericht: Thomas
Assistenz: Dominik

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