HerbstlichTER

November! Der fürchterlichste aller Monate: verregnet, stürmisch, alles Bunte weicht diesem tristen Grau, es riecht nach Vergänglichkeit und Abschied, wie ein allgemeines Ausatmen. Mehr als sonst sucht das Auge nach selten gewordenen wohltuenden Farbtupfern, nach jedem Sonnenstrahl, sucht die Seele nach Licht, einem Lächeln, einer wärmenden Begegnung, einem aufmunternden Wort, einer lieben Geste, dem einen Blick… nach KEIMZEIT.
Also einatmen, tief einatmen!

Plauen grüßt schon mal mit diesem sehr niedlichen Dialekt.
Kuschlig die Athmosphäre im Malzhauskellergewölbe, gut gelaunt die Musiker, die sich durch´s dichtgedrängt stehende Publikum den Weg auf ihre, von drei Seiten einzusehende klitzekleine Bühne bahnten. Sehr nah waren die Vornstehenden so den Musikern, so nah, dass ich fürchtete, sie könnten sich bedrängt fühlen. Aber diesen Eindruck machten sie gar nicht. Jeder auf die ihm eigene Weise verzauberte, entzückte, vergnügte uns. Vergessen war der Herbst.

Andreas und Roland, von denen ich weiß, dass sie auf der Bühne waren, weil sie zu unserem Glück deutlich hörbar waren, blieben zumeist unsichtbar, des dichten Nebels wegen. Rauchen hatte zusätzlich verstärkende Wirkung. Lag es daran, dass Norbert die Stimme kurz wegblieb (was kein Problem war, bei all den Souffleusen im Raum)?

Jedenfalls schien es ihn nicht zu stören, nötigte er doch Rudi zu einer aus dem Publikum gestifteten Zigarette, während dieser sich mit flinken Fingern dem Saitenspiel hingab. Wie auch Hartmut am allseits beliebten skandinavisch angehauchten Bass. Und ach, das Saxofon, die Klarinette, die Querflöte, Ralfs FLUGZEUGE-Wechselspiel mit Rudi war ein großer Genuss!

Leider hatte die kuschlige Enge des Gewölbekellers den Nachteil, dass dem Bewegungsdrang nicht so richtig nachgegeben werden konnte. Aber der so unvermeidbare Kontakt ließ in der Pause Gespräche aufkommen und das ist doch auch was Schönes.

Äußerlich einen großen Kontrast dazu bot Behringen: klassische Kulturhausbühne und ein richtig großer Saal mit viel Platz, „…um zu tanzen, bis nicht´s mehr geht…“
Unsere recht holprigen Anreise mit einer Stunde Verspätung, weil der Babysitter auf sich warten ließ, Schneeregen, teils stürmische Böen, ein Unfall und schließlich die Umleitung kurz vorm Ziel ließ mich schon an eine Verschwörung glauben. Aber anders wars wohl gedacht: all das sammelte sich vorher, damit es dann ein ganz wunderbarer Abend werden konnte.

Also kamen wir an, als die junge Band Chapeau Claque ihr letztes Lied sang. Dem Beifall war zu entnehmen, dass es gefallen hat…
Und ich war ehrlich erleichtert, hatte ich so doch von meiner Lieblingsmusik noch nichts versäumt.

Zunächst versuchte der Orts-DJ die Anwesenden mit sehr lauter, zugegeben auch gar nicht schlechter Musik vorzuglühen.

Als endlich KEIMZEIT die Bühne betrat war es, als hätte man einen Magneten inmitten wirr durcheinanderliegender Metallspäne gehalten…
Herzlich hieß man einander willkommen. Mit großer Freude sahen und hörten wir, textfest auch hier das Publikum und in der Bewegung frei, dem Rhythmus folgend. Als Norbert die Pläne fürs nächste Jahr verkündete, sagte meine Freundin “ Aha, Schwangerschaftsurlaub! “ und tatsächlich konnte ich drüber schmunzeln, Keim-Zeit eben…

Wir konnten schon mal die neuen, bereits liebgewonnenen Stücke hören und hoffen, dass sie auf der versprocheen CD nicht fehlen werden; KLING KLANG diente als Geburtstagsständchen und ich nehme an das Geburtstagskind war später der Spender der kleinen Gläschen, in denen ich TEQILA vermutete, denn das war gerade verklungen; wir versuchten uns an Russisch (keine Russischstunde war je so amüsant wie diese Auffrischungskurse!), zelebrierten NATHALIE und ließen uns von der Musik tragen, treiben bis SO Abschied ahnen ließ.

Der Plattenaufleger sah sogleich seine Stunde gekommen – keine Chance für weitere Zugaben.

Wir blieben noch ein wenig, um uns mit lieben Menschen auszutauschen. Schön ist, dass sich um Keimzeit inzwischen wie ein Netz, ein „magnetisches Feld“ gebildet hat, von dem ich hoffe aufgefangen zu werden im nächsten Jahr. Auch diesen November werd ich nun ertragen können in Erinnerung dieser Abende und der Lieder, durch die Norbert uns ein wenig mit seinen Augen sehen lässt und jeden, der es hören will, anregt selbst die Augen zu öffnen, mit allen Sinnen wahrzunehmen…
Danke KEIMZEIT und danke auch Euch vom Elektrofeld, das war ein richtig schönes Jahr.

Bericht: Angela

Fotos: René

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