Leipziger Allerlei und ein Flug mit „Tante Ju“

6. Juli – Pech gehabt. Kollegin erkrankt… „Birgit, Du musst arbeiten kommen“…

Na schönes Ding! Also schon vorher Tasche gepackt und sich auf nen stressigen Freitag eingestellt. …

Nachdem ich mich von meinen lieben Klienten und Kollegen endlich losgeeist hatte, hinein in meinen kleinen Flitzer „Paul“ und nach einem kurzen Umweg mit drei riesigen Kisten und einer netten Beifahrerin im Gepäck auf die Autobahn in Richtung Leipzig.

Nun sollte man nicht denken, dass an nem Freitagnachmittag auf den Straßen Berlins alles relaxt dem wohlverdienten Wochenende entgegen rollt… Nein, man zieht es vor, bei angenehmen Temperaturen so oberhalb der Zwanzig Grad – Marke, einige kleine Regenschauer mitnehmend, stehend oder auch manchmal im Schritt-Tempo auf den Berliner Straßen den überstandenen Stress der Woche und die nun anbrechende freie Zeit zu feiern.

Nach ca. einer Stunde der Teilnahme an diesem „Happening“, verließen wir dann doch befreit den Ort unseres Reisebeginns und steuerten der Metropole Leipzigs zu.
In der Stadt unseres Begehrens endlich angekommen, umrundeten wir noch, der diesmaligen Spielstätte unserer Lieblingsband zur Ehre gereichend, den „Clara Zetkin –Park“, um dann zur Punktlandung im Terrain der Parkbühne anzusetzen.

Welch schöner Anblick bot sich mir hier. Das noch leere Areal erweckte in mir fast den Eindruck eines altertümlichen Amphitheaters in neuem Gewandt. Gut gelöst, die ansteigenden Reihen der Stehplätze und das Halbrund des Zuschauerbereiches, von dem aus man wohl jederzeit einen recht guten Blick auf die nett hergerichtete Bühne haben sollte.

Dieser sollte sich sodann auch mit vielen erwartungsschwangeren Menschen füllen, welche alle nur eines in ihrem Sinn führten: eine fröhliche Jubiläums-Keimzeit zu feiern.

Man begrüßte sich freudig, hielt noch den einen oder anderen Schwatz über vergangene keimzeitliche Erlebnisse und andere Begebenheiten und warf noch einen prüfenden Blick gen Himmel, welcher noch nicht verriet, welche Überraschungen er uns heute noch zu bieten hatte.
Dann ging es auch schon los: „Meine sehr verehrten Damen und Herren, teure Freunde, einen schönen guten Abend, willkommen in Leipzig!“ … 25 Jahre Keimzeit konnten nun für alle Fans und Zuschauer Revue passieren. Für einige nicht das erste und auch nicht das letzte Mal.

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Die Vorankündigung, dass gegen 22:30 schon absolute Stille herrschen musste, machte so manchen Zuschauer schon prophylaktisch traurig, da ja jeder Eingeweihte weiß, dass die Konzerte immer zu schnell ein Ende finden… auch wenn sie 5 Stunden dauerten.

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Wie auch schon in den vier vorangegangenen Konzerten erschienen chronologisch geordnet alle Ehemaligen, wie auch noch jetzigen Bandmitglieder auf der Bühne um ihr Können, teilweise das erste Mal seit Jahren wieder vor Publikum, unter Beweis zu stellen.

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Es wurde lang nicht mehr gehörtes, wie auch nie auf Vinyl oder CD veröffentlichtes zu Gehör gebracht, wie auch alt bekanntes und immer wieder bewährtes keimzeitliches Liedgut zum Besten gegeben. Dies natürlich unter stürmischem Beifall und mit sangeskräftiger Unterstützung durch das Publikum.

Ein besonderes Highlight war für mich auch diesmal wieder das legendäre „Kinderlied“, welches an Aktualität meines Erachtens nach bis heute nichts verloren hat.

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Einen besonderen „Ohrwurm“ setzte mir dann auch das von Ulle dargebotene „Pleasant Josef“, der bis heute in meinem Hirn kreist und sich immer wieder einmal im stillen Kämmerlein über meine Zunge hinaus Raum verschafft.
Auch wenn „Das Schwein“ sich an einer Refrainstelle ein wenig verselbständigte und eine eher ungewollte Wiederholung zuließ, schien das Publikum begeistert und in mir schloss sich ein Kreis der privaten Assoziationen.
Als dann auch noch das „Gebläse“ (ich zitiere) im orangefarbenen Dreierpack die Bühne betrat, wurde mir wiederholt ein lang gehegter Wunsch erfüllt. „Amsterdam“ versetzte mich in höchste Glücksgefühle und erinnerte mich an eine Reise aus vergangenen Tagen.

Auch die Komik kam an diesem Abend nicht zu kurz, als es just in dem Moment zu regnen begann, als Norbert die Zeilen „lass Dich mit Deinen Tränen nicht von der Sonne erwischen…“ anstimmte. Dies konnte in diesem Moment nun wirklich nicht passieren und das war auch dem Sänger bewusst, welcher sich ein breites Lachen nicht verkneifen konnte.

Das gemeinsame Spiel des ehemaligen Pianisten Mathias Opitz mit Spatz ließ uns die Freude der zwei förmlich spüren, einmal etwas gemeinsam zu machen.

Mit „Getrennte Wege“ wurde der Wechsel der Gitarristen im keimzeitlichen Geschichtsverlauf auf geniale Weise dokumentiert und von den Beiden mit freundschaftlicher Geste auch symbolisch vollzogen.
Im späteren Verlauf des Abends waren dann alle Musiker gemeinsam auf der Bühne und es wurde zusammen musiziert und gefeiert, wie es noch niemals in der Geschichte der Band zuvor zu erleben war.
Selbstredend gab es mehrere Zugaben und als die Zeiger der Uhr schon bedenklich gen 23:00 tendierten und das Publikum immer noch unnachgiebig nach Zugaben verlangte, ließen sich die Jungs dieses Mal ein einmaliges Spiel einfallen, um dem Lärmpegel ein Schnäppchen zu schlagen: „So“ nur mit Sax und Gitarre… ganz leise und zart. Ein nie da gewesenes Finale, was mir in der Erinnerung daran noch immer Gänsehaut hervorzaubert.

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Der musikalische Teil des Abends war nun unwiderruflich beendet, das Publikum zufrieden des gerade gehört und gesehenem und jetzt bereit, in kleinen Gesprächen sich auszutauschen und eventuell das eine oder andere Autogramm von den Musikern zu erhaschen oder mit ihnen ein paar nette Worte zu wechseln.

Doch was geschah? Leider viel zu schnell schritten die „wichtigen Ordnungshüter“ ein und drängten die Besucher zu gehen. Enttäuschung machte sich breit. So etwas war man von Keimzeit-Konzerten nicht gewohnt. Waren es doch gerade die kleinen Unterhaltungen nach dem Konzert, die das besondere Flair dieser Veranstaltungen ausmachten, der kleine „Absacker“ danach, Verabredungen zum nächsten Event, wie auch das Kennen lernen der Fans untereinander. Nun, leider viel zu schnell wurde die „Keimzeitgemeinde“ getrennt und zu den Ausgängen getrieben.

Ein kleiner Funken Wehmut beim schnellen Abschied und die Hoffnung: … beim nächsten Mal wird’s wieder anders werden! …

7.Juli – Augen auf! Die Sonne lacht! … das könnte ein schöner Tag werden… schießt es mir durch den Kopf. Also raus aus den Federn, geduscht und in Schale geworfen und ab zum Frühstück ins Hotelrestaurant.

Gesättigt dann wurden Pläne für den Tag geschmiedet. Zuerst mal in Richtung Dresden düsen. Wir müssen ja schließlich unser Quartier für die nächste Nacht beziehen und dann auch noch den dortigen Veranstaltungsort suchen. Zuvor wurde schon viel gegrübelt, ob es sich bei „Tante Ju“ wirklich um nen Flieger aus früheren Jahren handelte, oder der Name einfach nur so, ohne näheren Grund entstanden war. „Könnte ja auch für „Tante Jugendlich“ stehen“ mein naiv weiblicher Einwand. Von meinen beiden Begleitern nur kopfschüttelnd belächelt. …“na ja, man kann ja mal wild kombinieren“ … lacht ihr nur!

Dann also hinein in unsere „Spaßkarossen“ und ab ging’s. Ich diesmal mit männlicher Begleitung brav hinter dem roten „Keimzeitmobil“ hinterher.

Am Ziel angekommen, wurden erstmal die Zimmer gecheckt. Wir hatten ja noch massig Zeit, also beschlossen wir erst einmal zu Fuß zu erkunden, wo diese „Tante Ju“ nun aufzufinden war. Die nette Dame an der Rezeption gab uns noch eine Kurze Wegbeschreibung und meinte, wir sollten lieber die Straßenbahn nehmen. „Ach, so weit kann das ja nicht sein und wir haben doch Zeit“ unsere mutige Entgegnung. Also machten wir uns auf den Weg.

Per Pedes… was sich als fataler Fehler herausstellen sollte. Nach gut einer Stunde und einer Nachfrage an einer Tankstelle, fanden wir endlich den heiß ersehnten Ort des Geschehens, welcher ziemlich versteckt in einem ehemaligen Industriegebiet mit vielen Industriebauruinen gelegen war.

Äußerlich gesehen hatte der Platz nun wirklich so gar nichts mit einem Flugzeug oder auch Hangar zu tun, wie wir ursprünglich vermutet hatten. Ein Platz, abgesperrt mit Bauzäunen inmitten von Schutt, Steinen und ehemaligen Fabrik- oder Geschäftsräumen mit einer angrenzenden Lokalität und einer Bühne am Rande des Platzes. Das war alles, was sich uns darbot. Hier sollte also in wenigen Stunden ein Konzert stattfinden? Und wie sollten die Leute, welche das Publikum darstellen würden, diesen Ort überhaupt finden? Werbeplakate waren auf dem Weg nirgends zu entdecken und Hinweisschilder waren bis auf wenige Ausnahmen auch nicht zu finden.

Nun, wir wollten uns erstmal mit einem frisch gezapften Kaltgetränk ein wenig Erfrischung verschaffen und die vom langen Fußmarsch brennenden Beine ausruhen und betraten das Lokalgebäude, welches den Namen „Tante Ju“ zierte. In diesem Moment kam uns auch die Erleuchtung. Der Innenraum war mit alten Flugzeugsitzen ausgestattet, wie auch der angrenzende Saal, den wir später noch bestaunen konnten. Daher also dieser eigenwillige Name! Gemütlich war es hier. Die Gastlichkeit lud zum Verweilen ein. Nur, uns fehlte ein wenig die Zeit. Wir mussten noch mal ins Hotel zurück, wo unsere Utensilien für die Dokumentation des Abends noch auf uns warteten, wie auch ein paar frische Kleidungsstücke, die unsere etwas Verschwitzten ersetzen sollten. „Diesmal fahren wir aber Bahn!“ … gute Idee! Wer kam eigentlich darauf?…

Zurück am Konzertort angekommen und diesmal mit allem „bewaffnet“ was zum Festhalten der Ereignisse nötig war, bezogen wir unsere Posten unmittelbar vor der Bühne. Hmmm, könnte etwas schwierig werden. Die Bühne war ziemlich hoch, kein Graben dazwischen und wir wohl etwas zu klein geraten. Nun ja, gegenüber einigen Rollstuhlfahrern, welche sich links und rechts neben uns postiert hatten, waren wir dann wohl doch noch im Vorteil. Aber auch sie hatten an diesem Abend sehr viel Spaß.

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Wieder sahen wir einige altbekannte Gesichter und wieder trafen wir liebe Freunde, mit denen wir einen wunderschönen musikalischen Abend genießen konnten. Der Wettergott hatte diesmal auch seine Spendierhosen an und beglückte uns mit Sonne satt, bis in den späten Abend hinein, den hernach ein zauberhafter Sternenhimmel zierte.

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Auch unsere „Ordnungshüter“, welche wir nun schon vom Vorabend kannten, zeigten sich diesmal geschmeidig und ließen die Gäste nach dem Konzert noch gewähren, sofern sie sich nicht zu nahe der Bühne befanden und die Abbauarbeiten störten. Zu später Stunde verlagerte sich das Treiben dann in den Gastraum der „Tante Ju“, wo man sich noch das eine oder andere Glas genehmigte, miteinander plauderte, um sich dann zu eher „früher“ Stunde endgültig zu verabschieden und den Weg nach Hause, bzw. in die jeweiligen Quartiere, ob nun Hotel, Pension oder auch Auto, anzutreten.

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Zurückblickend auf alle Sonderkonzerte, die ich in den letzten Wochen miterleben durfte, stelle ich fest, dass jedes Einzelne seinen ganz besonderen Reiz hatte. Ob nun bei Regen oder Sonnenschein, ob im Sitzen oder Stehen, jedes Einzelne war ein großartiges Erlebnis für mich und ich danke allen, die diese wundervolle Idee verwirklicht haben und es mir möglich machten, dabei zu sein.

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Der Reigen der großen Jubiläums-open air´s ist nun vorbei, aber ich freue mich jetzt schon auf die zum Jahresende folgenden Indoor- Jubifeste!

Bericht: Birgit

Fotos: René

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