Musik in der ollen Reithalle

Moin, mein Name is Hein. Einfach Hein, sonst nix. Joo, Reden ist ja nun eigentlich nich so mein Ding, aber ich hab da wat erlebt am Samstag (wie dat jetzt auch Neudeutsch heißt) ohhhhh, wenn ich dat erzähl, dat glaubt mir keiner. In meine Heimatstadt, wat Wismar is, oben anne Waterkant in Osten von unsere schöne Republik da gabs am Samstag wat, da spielten welche inne „Olle Reithalle“, sonn Rockkonzert oder sowat, ich hab da ja nich sonne Ahnung von. Ich hab mich gefragt wat dat soll, wollen die die Pferde erschrecken? In mein Kopp hatte ich gleich sonn Bild von Reithalle mit Stroh und Sägespäne, Cavaletti und Oxer und …. `ne Musikkapelle. Hein, dachte ich mir, Hein, dat muss du dir ansehen, dat ist kurios.

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Also hab ich gleich meine Piep gestopft, mien Bart gestutzt und mein Seesack gepackt und bin auf Törn zur ollen Reithalle.

Jaa, nu war ich da. Nix von Pferden, Sägespäne, Stroh und all dat Gedöns wat son Pferd noch braucht, nöööö, da war glatter Fußboden aber bannig spartanisch die Halle und kalt wie im Eismeer. Man gut, dat ich meine Sturmhaube immer dabei hab, näch!

Dat dat kalt war merkten auch schon die Anwesenden, die versuchten mit Kaffee und Glühwein mit Schuss gegen die Kälte anzutrinken, gelang aber erst nicht so recht – tja hättet ihr man Rum genommen, Landradden!

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Da stand ich nu mit mein Talent. Aber da war ich wohl nicht der einzige, der eins hat. Son jungscher Dachs war da, mit Sturmfrisur und son‘ ne runde Brille, fast so wie die von dem Zauberheini da, na der, wo die ganze Welt verrückt gemacht hat, ich hab bloß grad den Namen vergessen, ja der jedenfalls, der wollte heute Abend wohl auch was vortragen.

Die machten da grad so’n Saundscheck oder wie dat heißt. Instrumente stimmen und die Kapelle ins rechte Licht bringen. Dat war ganz schön laut, der Fußboden brummte unter den Füßen wie die Dielen auf mien Schiff bei Seegang mit steifer Briese.

So allmählich stürmten Begeisterte die Halle und dat wurde voll in dem Blechkasten, wat dazu beitrug, dat dit endlich ein bisschen warm um miene Nase wurde. Wussten ja doch ne ganze Menge Leude bescheid, ich glaub die wussten dat auch, dat hier keine Pferde sind. Ich hab mich mal so umgesehen und mir die Leude angeguckt. Mir is da sonne ganze Gruppe aufgefallen, die warn auch schon bisschen früher da, so wie ich. Die kannten sich alle und begrüßten lautstark noch weitere Mitstreiter, mit deren Erscheinen sie offenbar nicht gerechnet hatten. „Ist dat hier `n Freundschaftstreffen?“, dacht ich mir. Vielleicht sollt ich mich einfach dazu stellen, hätten mir bestimmt‘ n Humpen Bier ausgegeben. Ich hab mir denn erst ma paar Würstchen genehmigt, mit richtig viel Senf. Muss ja wat rein in so’n Seebärenmagen.

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Mit Wurst und mien klien Flachmann stellte ich mich so vorne links, mittig ungefähr vor die Bühne und wartete. Hier rührte ich mich jetzt auch nicht mehr wech. Dat kommt mir noch, dat mir einer meine gute Position vor der Bühne streitig macht und meutern will. Dat ganze sollte ja nu auch in zwei Stunden los gehen. Auf dat Klo war ich auch noch schnell und nu war ich bereit.

Wie ich so am warten war, dacht ich mir, nu könnts ja auch mal losgehen wa, da war auch schon wat zu hören. Der Jungsche, der mit der Brille, hüpfte wirr auf der Bühne herum, schüttelte dabei Kopf und Haupthaar, Arme und Beine und wat soll ich euch sagen, er sang in meiner Sprache: „ Moin, moin! Was geht’n Leude, habt ihr vielleicht Bock auf’n bisschen Freude? Dann schmeißt die Hände weg und passt mal auf …!“ dat nennt man rappen – is zwar nich so ganz meine Musik aber dat hat er gut gemacht. Nur irgendwann sind ihm die Wörter ausgegangen, da machte er Platz für die vonne Plakade, wat da Keimzeit heißt. Deswegen war ich ja eigentlich hier. So’ne Seebären mit Kapitänsmütz und Matrosenhut. Der eine von die sah bisschen aus wie Herr Kalleun vom Boot aus‘ n Fernsehen mit sein Bart. Wie die Kerls bloß auf den Namen gekommen sind?
Der mit‘ de Kapitänsmütz vom Plakat hatte mehr was von so‘ nem Frauenschwarmskapitän vom Traumschiff. Machte aber nix, der hatte ne gaude Stimme.

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Der begrüßte uns dann alle mit nem breiten Grinsen und einem „Sehr geehrte Damen und Herren, teure Freunde, herzlich Willkommen zu Keimzeit in Wismar – ab geht’s!“ Tosender Applaus ging durch die Halle. Alle Angereisten wussten wohl mit Vorfreude, was sie die nächsten Stunden zu erwarten hatten.

An das erste Lied erinnere ich mich noch gut, es ließ mir gleich tausend Gänse über den Rücken laufen. „Kintopp“. Das war es ja nun wirklich. Hinten links hatten sie den Schlagzeuger Roland postiert, der ohne Koordinationsprobleme seines Gehirns und seiner Gliedmaßen heftig in seine Trommeln haute. Dat könnt ich ja nu nich. Ich hab manchmal ja schon Schwierigkeiten mein Boot festzubinden. Meist hab ich dann eher mich verknotet als den Seemannsknoten um dat Schiff zu sichern.

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Am Kontrabass sein Bruder Hartmut. Der schien völlig in seinem Element. Augen geschlossen zupfte er liebevoll die Saiten seines Instruments. Auch der dritte im Bunde, der Sänger, war ein Bruder der beiden Erstgenannten. Norbert Leisegang. Der zwinkerte charmant ins Publikum und als er in die Runde griente, hatte man das Gefühl, sein großes Grinsegesicht reichte für jeden persönlich, um sich angelächelt zu fühlen.

Der sang so schöne Lieder wie Bunte Scherben, was mich an meine Jugend auf Deck erinnerte. Tokio Skyline war ein tolles Lied, auch wenn ich mit diesem ganzen Englischquatsch nicht um kann. Im Kapitel elf besang er den schlechten Stand als Schriftsteller – man gut, dat ich Matrose bin. Ein Lied erinnerte mich an meine Else. Valendienstagsblumen hieß es, was ich nich ganz verstand, weil ja Samstag war, aber der Text war wirklich rührend. Irgendwann hatte er dann ganz den Text vergessen und gab es auch ehrlich zu: „Ich weiß es doch auch nicht!“, rief er uns dann zu. Die Ehrlichkeit sollte belohnt werden und ich klatschte was dat Zeuch hielt.

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Ein paar Lieder wurden sogar über Frauen gesungen, die zierlichen Geschöpfe. Dat eine gefiel mir richtig gut, dat ging um ne Maggie. Die Melodei dazu war so putzig, dat ich mich nicht ganz stocksteif auf meinem Platz halten konnte. Einer mit ner Flöte trällerte da so rum, das war richtig niedlich. Ein anderes Lied sang der Gitarrist Rudi über so’ne Amerikanerin, die hieß Betty Mae. Der scheint sich bannig in die verknallt zu haben sach ich euch du! Die Kerle scheinen in der Welt rum zu kommen, denn ebenfalls angestimmt wurde ein Lied über die schöne Russin Nathalie mit den blauen Augen. Die scheint ja ne lustige Dirn zu sein und auch bekannt im Kreise, denn das Publikum um mich rum konnte sich gar nicht halten vor Tanzwut. Da ärmelte ich mich bei so ner jungschen Schnecke unter und wir schwangen unsere Tanzbeine. Zum Abschied tranken wir später noch Brüderschaft, ich hab dann auch noch ne Flaschenpost losgeschickt – hoffentlich kriegt sie die! Hab ihr geschrieben, dass sie die wohlgeformtesten Hüften trägt, die ich je im Tanz umfassen durfte, hach …

Das Lied „Singapur“ haben die dann ganz für mich allein gespielt, ich als alter Seebär hab ganz feuchte Augen bekommen. Wat war das schön. Woher wussten die das nur? Mein Holzbein war doch gut versteckt! Der Mensch am Klavier hat dat richtig toll gespielt, mit ganz viel Gefühl. Einige zückten sogar ihre Feuerzeuge und machten romantisches Licht.

Das ganze Konzert über waren die Leude ganz aus dem Häuschen. Sie tanzten und sangen. Ich glaub, die hatten richtig Spaß und Freude an der ganzen Veranstaltung. Joo! Tja wie das nu mal so ist – jeder noch so schöne Abend hat ein Ende – nur die Wurscht hat zwei und deswegen hab ich mir gleich noch vier davon bestellt! Dat ganze hat mir gut gefallen, fast wie bei mein Shanty-Chor. Ich hab mir fest vorgenommen, wenn die wieder spielen, ich bin dann auch wieder mit an Deck.

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Bleibt nur die Frage, werden die Uhren im Herbst vor- oder zurückgestellt?

Hier `n Tipp vom Klabautermann:

Im Frühjahr werden die Gartenmöbel aus dem Schuppen her – v o r – geholt,

und

im Herbst werden sie wieder dorthin z u r ü c k – gestellt.

Noch Fragen ihr Landradden?

Na dann Ahoi und guten Wind,

Euer Hein!

Ich sach ja, Reden is nich so mein Ding, wa!

Bericht: Anja, Dominik
Bilder: Dominik (analog)

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