Schwerin, Waren und ein neuer Mitbewohner

Seit einigen Wochen müssen wir in unserer 54 m² -Wohnung im Hamburger Stadtteil Hamm noch enger zusammenrücken. Von unserer Andalusienreise mitgeschleppt, der Weltenbummler und Hauptdarsteller in dem Splatter Movie „Black Sheep“ das kleine schwarze Schaf aus Barcelona, in das ich mich sofort verliebte:

Uwé del Oveja Garciá Gonzales.

Von uns seit Anbeginn liebevoll Uwe genannt. Uwe ist seit Lebzeiten musikbegeistert und hat diverse Konzerte besucht. Neil Young, Elvis Costello, Paul Weller, Deep Purple, Mano Negra – überall dabei. Stage diving sein Hobby, Frauen seine Leidenschaft.

In nur kurzer Zeit mit einem Rucksack durch Barcelona, Marrakesch, Berlin, Amsterdam, Hamburg, Schwerin, Waren. Letztgenannte nicht ohne Grund. Seine ersten Keimzeit Konzerte galt es zu besuchen. Wir hatten ihn vorab eingeweiht in Musik und Sprache. Heute Morgen nun, fand ich einen Brief an seine Mutter gerichtet …

„Verehrte Anna Maria Marta Esmeralda Dolores Carmencita Rosaria del Oveja Garciá Gonzales, kurzum:

Liebe Mama, querida madre,
ich hoffe dir geht es wohl, du hast genug Wiese, graue Schafe auf grasgrünem Teppich und meine Geschwister versorgen dich gut. Diesen Brief schreibe ich aus dem fernen Alemania, um dir mitzuteilen, wie es mir geht in der weiten Welt.

Es ist der Morgen des achten Septembers dieses Jahres. Sonne blendet mich, als ich erwache. Mein linkes Schlappohr juckt, ich merke mir dir Stelle und wasche mich später. Erst mal brauche ich einen starken Kaffee und eine Zigarette, danach ein gutes Frühstück.

Fruehstueck

Ich schlendere in die Küche und setze mich ans Fenster. Die anderen schlafen noch. Das Konzert am Vorabend war sehr schön in Schwerin zum Altstadtfest. Leider kamen Torsten und ich ein wenig zu spät, wir standen im Stau, die A24 war gesperrt aus Hamburg in Richtung Berlin.

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Auf der Fahrt habe ich geschlafen. Ich hatte später jedoch eine gute Sicht auf die Bühne aus der Brusttasche seiner Jacke. Welch ein Anblick die Horde bunter Gestalten und alle himmeln sie den Sänger an. Kreischen, schreien, werfen Blumen auf die Bühne, wollen Kinder von ihm …

Das ist fast wie wenn ich bei uns zu Hause in Barcelona den Feldweg entlang flaniere. Sie schmeicheln mir und schreien „määähh“, bringen mir Grashalme, Löwenzahn und so Zeugs. Así realmente – wer soll da widerstehen?

Der Morgen heute ist sehr schön. Das dicke Katzentier setzt sich neben mich, schnuppert an mir, schleckt mir über das Gesicht – jetzt brauch ich nicht mehr duschen zu gehen – und wir unterhalten uns einen Schlag.

Ich erzähle ihr, was sie für schöne Augen hat – cómo los prados de España – und ihr Hintern erst. Ein Vollweib. Aber sie ist zickig und will davon nichts hören. Sie schwebt aus dem Raum und ich beginne den Tisch zu decken. Summe dabei ein wenig von der Musik, die ich mir von gestern merken konnte.

Flugzeuge ohne Räder, Mensch Meier, der Pförtner lacht sich schlapp, schießt mich ab, so das Projektil trifft, dann bin ich krank, liege im Bett – wer kommt mich dann besuchen? – der Sommer soll bleiben und am Rande die Planetenseite im Kapitel elf …
Warum nur kommen in den Liedern so wenig Schafe vor? Tristemente!

Doch herrlich war es. Ich wäre am liebsten auf die Bühne gesprungen, hätte meine Mundharmonika gezückt und mit angestimmt …

Keimzeit sollten ein Haupt Act zu diesem Fest sein. Dies wusste offenbar die Hörerschaft und so hatten sich ein Haufen Leute um die Bühne versammelt. Umringt von leuchtender Farbenpracht, welche die Altstadt zu ihrem Fest erhellte. Um den „Pfaffenteich“ waren Buden aufgebaut welche süßes Backwerk und Herzhaftes für den Gaumen zu bieten hatten. Karussells entließen von ihren Mitfahrenden fröhliches Gekreische in die Nacht.

Die Musiker hatten sichtlich Spaß an diesem Abend und das Lob des Publikums wurde gedankt mit noch einer und noch einer Zugabe.

Nach dem Konzert saßen wir noch in elustrer Runde in der Schweriner Kneipe „Zum Freischütz“. Tranken Bier und aßen Chilli con Carne. Der ein oder andere seilte sich ab. Eine hübsche Frau konnte ich für mich nicht erspähen, so hielt ich mich an meinem Bier fest. Torsten und Dominik mussten mich am morgen nach Hause tragen, allein hätte ich es nicht mehr geschafft.

So langsam trudelt der Rest noch Schlaftrunkener ein in die heimische Küche der Mutter von Dominik. Es gibt Nahrhaftes. Brötchen, Käse, Wurst, Pflaumenmus und Ei – ein paar Pfannkuchen vom Vortag sind auch noch übrig – für mich etwas Katzengras zum Nachtisch. Das Essen beendet setze ich mich auf den Balkon und trinke in Ruhe meinen Kaffee. Warte darauf, dass das Menschenvolk sich badet und kleidet. Heute soll es noch mal auf ein Konzert gehen. Ort der Begebenheit wird ein Campingplatz in Waren an der Müritz sein.

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Als wir nach gut zwei Stunden Autofahrt dort angelangen, kommt uns ein gedankenversunkener Norbert entgegen. Wir winken kurz, stoppen den Waagen und begrüßen den Sänger mit einem Hände- bzw. Hufschlag. Gleich im Blickfeld die Spielstätte für den Abend.

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Eine Büchse im wahrsten Sinne des Wortes, nur dass nicht Blech, sondern „Kultur“ als Wort vor ihr prangt – doch gemütlich. Noch mehr wird sie dies mit laufender Zeit und Aufbau der Bühne, eines Bierstandes und dem Merchandise Stand, der diesen Abend von Dominik betreut werden soll.

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Torsten und ich sind für des Standes und seiner Betreuerin Sicherheit verantwortlich und übernehmen die Security während des Verkaufs. Wer mich in meinem Film gesehen hat, weiß, dass er sich mit mir lieber nicht anlegen sollte. Zudem beherrsche ich sämtliche Kampfsportarten bis hin zum Schaf-Aikido. Ich glaube niemand, der nicht todessüchtig ist, möchte wissen, was ich mit Mikado Stäbchen anzufangen weiß.

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Erstaunlich beim Soundcheck zu hören und fühlen, dass Frank Braun mit seiner Trompete einen enormen Schall hervorbringt, sodass er mit seinem Geblase selbst gegen die Verstärker ankommt. Es treibt einen wohlwolligen Schauer über den Rücken.

Ein drolliger Wohnwagen soll heute den Musikern als Backstage Bereich dienen, in diesem bewegt sich eine herzliche Dame an Kochplatten und tischt der Band Herzhaftes auf, um Gaumen und Magen zu verwöhnen.

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Gegen 20:00 Uhr wird eingelassen und die Büchse beginnt sich zu füllen. Viele kommen vom Camping und wollen sich die Kapelle „mal ansehen“, doch die Meisten erwarten ein gewohnt gutes Spiel ihrer Lieblingsband.

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Die Musiker kämpfen sich durch das Publikum zur Bühne. „Ein Backstage“ in diesem Sinne zum Flüchten für eine kurze Verschnaufpause gibt es ja dieses Mal nicht.
Zuvor wird hier und da gemunkelt, warum der Saxophonist denn heute nicht anwesend sei. Gab es gar Streit? Im Laufe des Konzertes beruhigt der Sänger. Ralf hätte ein ebenso wichtiges Spiel an einem anderen Ort, welches nicht verschoben werden konnte.

Mit Gefühl und Energie gibt die Band ihr Konzert. Sie schalten bei den Hörern Emotionen frei und sorgen bei jedem für eine untrügliche Ausgelassenheit. Es gibt niemanden, der nicht wenigstens mit den Füßen wippt oder den Kopf zur Musik leicht bewegt und mitsummt.

Bei Kling Klang zumindest hält es dann niemanden mehr still auf seinem Platz. Auch ich schwinge meine vier Tanzbeinchen hinterm Merchandise Stand und rock’n’roll’e mir die Sohle. Bei den ruhigen Liedern, denen, über die Liebe kommt niemand herum sein Liebstes ihm gegenüber in den Arm zu nehmen, einen Kuss zu schenken oder einfach dem Sänger Gleiches zu tun, der Augen geschlossen seine Lieder singt. Ach, ich werde etwas schwermütig und wünsche mir sofort ein schönes Schaf – hermoso oveja – an meine Seite, dem ich jede Fluse einzeln küssen kann.

„Wie siehst du eigentlich aus, Andreas!?“, schimpft der Sänger prompt den Keyboarder an. „Haare nich gekämmt. Zum Friseur könnt’ste auch mal wieder. Und der Bart! Is doch schlodderich, oder nich? Oder was meint ihr? Is Bart sexy oder schlodderich?“, fragt er ins Publikum. Dieses johlt entgegen und findet Bart offensichtlich sehr anziehend am Spatz. „Sach mal, hast dir wohl auch noch die Haare gefärbt wie?“ …

Nach einigen Lachern lässt Norbert ab vom ihm und stimmt Nathalie an. Auch die Dame kriegt ihr Fett weg und ist durch einige Textaussetzer schwer pikiert.

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Mir gefällt diese Band und die Musik, die sie darbringt, sehr. Nicht nur dies. Der menschliche Umgang zum Publikum – und auch zum Schaf – sind doch eher selten. Mit Charme und Witz begegnen sie ihrer Zuhörerschaft. Nicht nur eine Zugabe gibt es auf Wunsch.

Zum Ende des Konzertes nutzen noch einmal die Letzten die Kaufmöglichkeit des mit ihrer Lieblingsband zu verbindenden Materials in Form von Buttons, Schlüsselanhängern, Jacken und Shirts. Nicht zuletzt die Tonträger ziehen die Meute an diesem Abend an.

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Dominik macht dann die Abrechnung und ich schnappe mir Torsten und schleife ihn ne Runde übers Tanzparkett. Vor der Kulturbüchse wurde ein kleines Feuer gemacht, in ihr bewegen sich Tanzbegeisterte nach Discomusik. Zu beobachten ist Andreas, der in der Ecke auf einer Box sitzt, das Geschehen verfolgt und offensichtlich seinen Gedanken nachhängt. Roland und Hartmut rauchen am Feuer ihre Zigarillos zur Entspannung. Frank schlendert über den Platz und die restliche Meute genießt die Ruhe im Backstagewagen.

Während das Völkchen den Sprinter der Band belädt, stürze ich mich noch ein wenig in die tanzwütige Allgemeinheit, betätige mich ein wenig im crowdsurfing und gröle was das Zeug hält. Gerade als mich ein potentielles Schwiegerschaf anspricht, mit mir tanzen zu wollen, reißt Torsten mich von der Tanzfläche und steckt mich zurück in seine Brusttasche. Ich wehre mich noch mit Hufe und Hufe, beiße ihm in den Daumen – umsonst.

Mein trainiertes Schlappohr hört wildes Gähnen und Zustimmung im Müde sein – es geht Richtung Hamburg. Ich haue mich aufs Ohr. Die Hufe sind müde, ich bin bockig. Schreibe dir diesen Brief liebe Mama und hoffe, er erreicht dich bald. Buena noche, dar un beso.
Dein, dich liebender Sohn
Uwé

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