Sommerzeit… alle guten Dinge sind drei

Berlin, Berlin… gut, zwischendurch mal nach Hause zu kommen. Zeit zum Wäschewechsel und ein wenig Entspannung. …Da hatten wir die Rechnung scheinbar ohne den Wirt gemacht. Wenn man schon mal die Gelegenheit hat, jemandem mit ner richtig guten Kamera habhaft zu werden, welcher obendrein auch noch damit umgehen kann, sollte man die Möglichkeit sofort beim Schopfe packen und sogleich ein kleines Shooting anberaumen, dachte sich meine, ihre Karriere vorantreiben wollende, Tochter Cynthia. Flugs wurden René und ich um den Finger gewickelt und es ging in den Schlosspark Charlottenburg, Fotos machen.

Am nächsten Tag dann, es war schon wieder früher Nachmittag, konnten wir endlich unseren Plan weiter verfolgen und mit unseren sieben Sachen ans Meer fahren. Wir hatten uns Usedom in den Kopf gesetzt. Noch etwas Sonne tanken, den Wellen bei ihrem Spiel zusehen und die Seele ein wenig baumeln lassen…

Also auf, nach Zinnowitz . Hier war allerdings eher Pulloverwetter angesagt. Na, macht nix… es gibt ja auch bei etwas kühlerem Wetter viel zu entdecken auf der Insel. René zeigte mir erst einmal die „Blechbüchse“. Jene Konzerthalle, die einige Wochen zuvor nicht zum ersten Mal Spielort unserer Lieblingsband war. „Mhmmm, hat irgendwie was von ner Mausefalle“… stellte ich beim Anblick dieser Blechröhre fest. „Aber der Name Blechbüchse ist ja auch passend.“

Am nächsten Tag fuhren wir nach Peenemünde, sahen uns die Überreste des alten „Sauerkraut-„ …äähmm -…stoff-Werkes (Joke eines Einheimischen) an, krochen durch ein U-Boot, ohne jedoch abzutauchen und zerstörten mit Hilfe einer Presse ein 5-Centstück für den Obolus von einem Euro um daraus eine nette Andenkenplakette zu fertigen.

Am Abend planten wir dann noch für den nächsten Tag einen Auslandsausflug zu unseren polnischen Nachbarn nach Swinemünde. Dort sollten sich noch jede Menge Relikte vergangener Zeiten in den Wäldern nahe dem Strand finden lassen, die unseren „Forscherdrang“ kitzelten.

Geplant, getan. Wir ließen uns von dem eher mäßigen Wetter am nächsten Tag nicht schrecken und begaben uns auf den Weg. Uns interessierten weder Zigarettenhändler, noch die grellbunten Auslagen der Märkte. Unser Ziel war ein anderes. Nach ewigem Suchen wurden wir in der Nähe des Hafens das erste Mal fündig und sahen uns eine alte, ursprünglich aus dem ersten Weltkrieg stammende und dann immer wieder neu genutzte Festung an.

Auf dem Rückweg zur Grenze fanden wir in den Wäldern versteckt auch noch diverse kleinere Bunkeranlagen ungewisser Herkunft und bedauerten nun, keine Taschenlampe dabei gehabt zu haben. „Kann ja wieder nur uns passieren… da geht man schon auf Entdeckungstour und vergisst das Equipment mitzunehmen!“

Auf unserem Rückweg konnten wir erleben, wie unsere Nachbarn leben. Kontraste, wie man sie selten findet.

Nach einem kleinen Snack und einem Hopfenkaltgetränk traten wir dann endgültig, etwas durchfeuchtet den Rückweg über die Grenze und zu unserem Parkplatz an.

Am nächsten Morgen wurde es für uns aber nun wirklich Zeit. Wollten wir doch noch ein wenig Festivalfieber erleben und Hey, wir waren ja schon an der Küste, da können wir doch mal kurz rüber zur Insel Fehmarn fahren. „Wo liegt die eigentlich?“ …

Internet und Navi befragt und kurz ein paar verwunderte Blicke getauscht. Nun ja, sind ja NUR knapp 350 km… Egal, wir wollen da hin!
Wir flogen ganz entspannt über die Autobahn, das Wetter schien diesmal auch verheißungsvoll und wir sahen gespannt den Dingen entgegen, die uns auf dieser „anderen“ Insel erwarten würden.

Als wir auf Fehmarn angekommen waren, führte uns ein hohles Bauchgefühl in die nächste kleine Stadt, wo wir etwas Nahrhaftes zu uns nehmen wollten. Nur leider war es schon nach 14:00 Uhr und sämtliche Lokalitäten der Insel geschlossen. Wir machten uns also in Richtung Festivalort auf den Weg, zwar hungrig noch, aber doch guter Dinge, als unsere Reise in einem kleinen Ort jäh beendet wurde. Leute mit orangefarbenen Westen hießen uns anhalten und unser Gefährt im Ort zurück zu lassen. „Wie weit ist es denn noch bis zum Festival?“ Einer der Ordner griente uns, wie uns schien etwas mitleidig an. „Na so vier Kilometer Fußmarsch sind’s noch. Wir können aber keine Autos mehr durch lassen, die Wiesen sind abgesoffen, da geht nix mehr…“

„Na das is ja prima! Wir lieben Fußmärsche mit Gepäck…“ Unsere Laune schien innerhalb kürzester Zeit gegen null zu sinken. Wir stärkten uns erstmal im hiesigen Pensionslokal, welches erstaunlicher Weise durchgehend geöffnet hatte und fragten noch nach einem Zimmer für die Nacht. Natürlich nix frei… war ja klar! Nun, dann eben standesgemäß, wie es sich für ein Festival gehört im Auto übernachtet. Aber erstmal Festivalsflair genießen…

Nachdem wir vor die Tür der Pension getreten waren, sahen wir einen uns wohlbekannten silberfarbenen Bus an uns vorüber fahren. Fröhliches Winken aus den Fenstern und weg war er. Nun wussten wir zumindest, wir waren richtig und es würde ein „keimzeitlicher“ Abend werden. Also frohen Mutes unsere Ränzlein geschnürt, Schusters Rappen gesattelt und ab ging’s Richtung „Flügger Strand“. Vorbei an abgeernteten Feldern, kleinen verschlafenen Dörfchen, immer der schon weit herüber klingenden Musik entgegen. Ein paar, auf den Wiesen aufgestellte Dixi-Klos und das eine oder andere Wohnmobil und Zelt verhießen uns, dass es nun nicht mehr weit sein konnte. Und richtig, nach der nächsten Biegung der Landstraße war der Eingang zum Festivalgelände und die große Bühne schon zu sehen. Vor Dieser tummelten sich schon einige Schau- und Hörlustige, jedoch die Meisten waren eher noch an den Bierständen beschäftigt. Auch uns zog es zuerst an einen der begehrten Stände, hatten wir durch den langen Fußmarsch doch reichlich an Flüssigkeit verloren, welche natürlich sogleich aufgefüllt werden musste.

Danach zog es uns in Richtung Bühne. Galt es sich doch noch gute Plätze zu sichern, ehe unsere Jungs auf die Bühne treten würden und uns mit ihrem Spiel wieder erfreuten. Ein Blick in die Runde ließ allerdings nicht nur bei mir gewisse Zweifel aufkommen, ob dies wohl der rechte Spielort für unsere Band sein sollte. Überwiegend wurde der Platz mit langmähnigen, teils dickbäuchigen in Leder gekleideten Gestalten bevölkert, die alles andere als den Eindruck erweckten, dass sie auf jene von uns favorisierte Musikrichtung standen.

Auch die Fraktion der „Kahlköpfe“ war mit einer beachtlichen Anzahl auf dem Platz vertreten, aber zu meiner Beruhigung gab es auch jene fröhlichen Familienmenschen, die mit Kind und Kegel ausgezogen waren, sich bei guter Musik unterhalten zu lassen und Spaß zu haben.

Der Raum vor der Bühne wurde so langsam enger und es wurde auf ihr geschäftig gearbeitet. Eine junge hübsche Dame erschien auf der Bühne, ordnete Mikros und Kabel und trat etwas später, bewaffnet mit einer Gitarre wieder nach vorn um uns mit grandiosem Spiel und einer Wahnsinnsstimme restlos zu begeistern. Aus Helsinki käme sie und hieß Erja Lyytinen, erfuhren wir später.

Ihr Spiel, im Bluescharakter berauschte nicht nur uns, sondern auch all die Umstehenden der unterschiedlichsten Couleur und Gesinnung, wie mir schien. Und die Optik, die sich hier darbot ließ so manches Männerherz ein wenig höher schlagen.

Nach Erja sollte nun Keimzeit am Start sein. Oh oh, dachte ich, bei dieser Konkurrenz könnte das schwer werden. Hier war nicht die eingefleischte Fangemeinde vertreten, welche man bei anderen Konzerten gewohnt war. Aber bei näherem Hinsehen, konnte ich doch eine junge Dame mit einem uns wohlvertrauten T-Shirt entdecken, welche ihrem Freund zu erklären versuchte, mit wem er es in den nächsten Minuten gleich zu tun haben würde. Ein kleines Gespräch mit ihr gab uns dann auch Aufschluss und wir beschlossen „unserer“ Band gemeinsam den Rücken zu stärken.

Dann, mit breitem Grinsen erschien Norbert auf der Bühne, begrüßte in gewohnter Manier das Publikum und die Band tat ihr Bestes, die Menge zu begeistern. Mir schien, die Umstellung des Programms auf ein wenig rockigere Rhythmen wie beispielsweise „Paul“ oder „BH“ wäre hier besser angekommen und hätte auch die „Rockerfraktion“ eher angesprochen. Die sanften Klänge von „Singapur“ und „Ein See voller Tränen“ jedenfalls schienen hier etwas fehl am Platz und ernteten zumindest von vorgenannter Fraktion, welche schon massiv unter Alkoholeinfluss stand, eher Buhrufe und laute Pfiffe. Kein Wunder auch, erwarteten sie doch nach Keimzeit noch einen Musiker der härteren Klänge. Unsere Mannen jedoch schlugen sich wacker und ernteten am Ende ihrer Darbietung auch reichlich Applaus.

Nun war die Zeit für die richtigen Hardcore-Rocker, oder die die sich dafür hielten, gekommen. Eigens aus Seattle eingeflogen, die Reinkarnation Jimmy Hendrix, mit Namen Randy Hanson. Irgendwie völlig durchgeknallt, schien mir, aber virtuos an der Gitarre. Er ließ es an nichts fehlen, posierte vor dem Publikum, ließ sich in die Menge fallen um wieder auf die Bühne gehoben zu werden, malträtierte seine Gitarre mit den Zähnen und zerriss am Ende seiner Vorstellung auch noch deren Saiten. Die Menge war aus dem Häuschen und unsere Jungs, welche an der Seite der Bühne standen, schienen sich auch köstlich zu amüsieren.

Als dieses Spektakel dann auch beendet war, lichteten sich die Reihen vor der Bühne wieder und die „Rockerbanden“ widmeten sich wieder ihrer zweiten Lieblingsbeschäftigung: dem Saufen.
Wir sahen uns noch Vdelli, eine australische Zweimannband an, ehe wir zu nächtlicher Stunde das, langsam zu Ende gehende Festival verließen und uns auf den langen Rückmarsch zu unserem Auto begaben.

Gewöhnungsbedürftig war es, schön war es. Wieder mal eine Festivalerfahrung mehr. Nichts, was man jede Woche erleben möchte, aber doch im Nachgang nicht mehr missen will.

Am nächsten Morgen stiegen wir etwas zerknautscht aus unserem Auto, machten uns in der Pensionstoilette ein wenig frisch für den Tag, genossen dort auch noch ein angenehmes Frühstück und machten uns sodann auf den Weg. Weg von dieser Insel, welche außer einem einmal im Jahr stattfindendem Festival, nem Leuchtturm und ner halb verfallenen Mühle, dem kulturell und landschaftlich interessierten Besucher wohl nicht allzu viel zu bieten hatte.

Wir traten den Heimweg an. Flogen wieder entspannt über die Autobahn, bis René dann von Dieser abbog und mir noch ein Kleinod besonderer Art zeigte.

Bützow, die „alte Badeanstalt“ und den „Seesack“. Jener Spielort Keimzeits bot sich mir dar, welchen ich leider auch dieses Jahr, bedingt durch meinen unabwendbaren Nachtdienst, nicht erleben durfte. Ich war begeistert! So sah ich doch wenigstens jetzt diese fast legendäre Spielstätte unserer Band und konnte mich auf den Steg begeben, auf dem vor einigen Wochen das Interview für Mike aus USA stattfand.

Da es gerade noch so um die Mittagzeit war, genossen wir noch ein vorzügliches Mahl im „Seesack“ und hielten noch einen kleinen netten Plausch mit dem Inhaber, ehe wir uns nun endgültig auf den Heimweg machten.

Etwas erschöpft und „verwahrlost“ aber glücklich kamen wir am frühen Abend dann in Berlin an, wo wir schon von meiner Tochter erwartet wurden.

Am nächsten, dem nun letzten Tag unseres gemeinsamen Urlaubs war dann noch ein Besuch der IFA drin, wo es das Neueste auf dem Medienmarkt zu bestaunen gab (zum Teil auch aus der Kategorie „Dinge die die Welt nicht braucht“ …), bevor es dann für uns beide nun endgültig hieß, Abschied zu nehmen.
Ein wunderschöner Urlaub nahm sein Ende, und vor allem einer, der das Herz eines Keimzeit-Fans in höchsten Regionen schlagen ließ.

Bericht: Birgit

Fotos: René

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