Ich hab den Blues …

Grau scheint die Welt in diesen Tagen. Weder Eiskristalle verzaubern die Wälder, noch erquickt uns das erste zarte Grün. Nur Regen, Wind und Tristesse ziehen über das Land…
In meinem Kopf kreisen die Gedanken. Erinnerungen an vergangene Freuden und aufregende Stunden kämpfen mit der Vorstellung langer untätiger Abende, gekrönt von Fluten „geistiger Tiefkultur“ im deutschen TV. „Superstar“ und „Dschungelcamp“ … soll das meine nähere Zukunft sein? …

Ich sitze am PC und surfe durchs Netz. Bin auf der Suche nach Ablenkung, nach irgendwas…
Eines der Soloprojekte unserer Band zu besuchen wäre jetzt schön, nur leider nichts Passendes für mich dabei. Und wenn doch, dann kollidiert alles wiedermal mit meinen dienstlichen Terminen oder der Veranstaltungsort liegt kilometerweit entfernt. Ja, oder auch beides… es ist zum heulen! … Ich bin auf Entzug. Und das nun schon nach knapp einem Monat Konzertabstinenz.

Wie in Trance gleiten meine Hände über die Tastatur. Ich gehe auf Myspace und suche, …einfach nur so,… nach Seiten unserer Musiker. Zuerst Kaolin. Fehlanzeige… keine Termine zurzeit. Die „toten Dichter“ mit Norbert: …zu weit, zu weit, passt einfach nichts. Dann Firebrook… auch dort nichts Neues. Ok, probieren wir mal Rudis anderes Projekt: Undertaker Bluesband. Die spielten ja vor kurzem in Dresden. Vielleicht…

VOLLTREFFER!!! Berlin-Wernsdorf 26.01.08 Biker-Kneipe.
Das ist ja schon morgen! Aber es passt! Also Telefon gegriffen, Freundin mobilisiert und nachgesehen, wo der Veranstaltungsort eigentlich liegt. Alles perfekt, das WE ist gerettet!

Es ist der 26.01. 19:00 Uhr. Ich mache mich auf den Weg. Es stürmt und regnet in Strömen. Diesmal macht mir das Wetter nicht so viel aus. Ich freue mich auf ein wenig Abwechslung und hoffe auf einen netten Abend mit guter Musik. Erst einmal noch meine Freundin abholen. Nun, das liegt ja auf dem Weg und ist schnell getan. Wenn man von umherfliegenden Ästen, glitschigen Waldwegen und verregneter Windschutzscheibe absieht läuft alles nach Plan. Dank meines Navis ist auch der Ort schnell gefunden und auf Nachfrage im ansässigen Ausflugslokal werden wir auch überraschend schnell der „Biker-Kneipe“ fündig. Von außen ist schon Musik zu hören, also treten wir ein.

„Ey, erstmal Kohle her“ poltert uns ein langhaariger vollbärtiger Hüne in Holzfällerhemd und Lederweste an. Wir zucken zusammen… „Was soll’s denn kosten“, frage ich schüchtern. „Nen Zehner pro Neese“ kommt die Antwort zurück. „Und abjestempelt werdet iah ooch noch“. „OK, kein Problem“ ich zahle, krieg meinen Stempel und rein ins Gewühl. Es ist schon sehr gut gefüllt in Gastraum, Haken für die Wintergarderobe sind Fehlanzeige und nach dieser Begrüßung traue ich mich nun auch keine Frage mehr danach zu stellen. Ob wir hier wirklich richtig sind? Auf der kleinen Bühne unterhalten gerade zwei Musiker mit Gitarre und Mundharmonika das Publikum, welches zu zwei Dritteln wirklich unschwer als waschechte Biker oder zumindest deren Sympathisanten zu identifizieren zu sein scheinen. Bei genauerem Hinsehen allerdings zeigt sich dieses Bild als kleine optische Täuschung. Das Publikum ist doch sehr gemischt und die Biker nur durch ihre optische Erscheinung besonders präsent.

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Die Stimmung ist locker, und was meine Freundin besonders freut, geraucht werden darf auch 😉 . Ich brauch erst einmal etwas zum erfrischen der trockenen Kehle und ziehe „siegessicher“ zur Theke. Entgegen meiner Befürchtungen aus vergangenen Tagen, da ich meist an den Tresen dieser Welt gekonnt übersehen werde, bekomme ich doch prompt ein leckeres Schwarzbier und für meine Freundin nen Becher Rotwein. Diese hat inzwischen ein ihr genehmes Eckchen zum Verweilen gefunden und ich geselle mich dazu. Wenig später sehe ich auch schon ein bekanntes Gesicht und weiß nun, wir sind am richtigen Ort. Auch ich werde erkannt und freudig von Rudi begrüßt. Ich erfahre, dass es mit den Undertakern gegen 22:00 Uhr losgehen soll und der Abend wohl noch ziemlich lang werden wird.

Ich bin gespannt und genieße die bluesigen Klänge der Zwei-Mann-Vorband, deren Namen ich leider nicht in Erfahrung bringen konnte. Dann die Ankündigung der Undertakers und eine kleine Pause, bis unser Rudi mit seinen zwei Gefährten die Bühne betritt.

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Die Musik erklingt und es geht mir gut. Ich fühle mich zu Hause, gehe bei jedem Ton mit, schwelge in Glücksmomenten. Das Ganze dauert gut eine halbe Stunde, bis eine erneute Pause und der Wechsel zurück zur Zweimannband angekündigt wird.

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Meine Freundin äußert bedauernd, dass sie leider nach Hause müsste, da sie am nächsten Tag wieder früh aufstehen muss und wir verlassen die Stätte der musikalischen Erbauung. Ich vergewissere mich noch bei dem bärtigen Menschen am Einlass, welcher mir inzwischen nicht mehr so bedrohlich erscheint, dass ich in ca. einer halben Stunde wieder hineingelassen werde und fahre meine Freundin nach haus.

Zurück am Ort des Geschehens stelle ich fest, dass ich noch nicht allzu viel verpasst habe und postiere mich wieder vor der Bühne. Der zweite Teil mit den Undertakern beginnt. Diesmal mit großem Bass und Akkustikgitarre. Tolle Musik, die mitreißt, Rudis wundervolle Stimme und eine urig gemütliche Atmosphäre im Raum. Ich tanze und tanze… allein und doch nicht allein… unendlich möge es so weiter gehen. Vergessen sind Alltagsstress, Regen, Sturm und Tristesse… nur noch Blues, Swing und Rock… vor mir, hinter mir, um mich herum und…
ganz tief in mir drin…

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Gegen 1:00 Uhr ist das Programm dann abgespielt. Schade…, denke ich schon, als verkündet wird, dass nun eine Session folgt.
Nun mischt sich alles. Mal steht der Eine auf der Bühne, mal der Andere. Der Vater des Undertaker-Drummers ergreift die Sticks, Rudi gemeinsam mit dem Mundharmonikaspieler, ein Junger Musiker an Rudis Gitarre und dann auch mal alle gemeinsam. Ein Happening was seines Gleichen sucht.

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Ich schaue zur Uhr und fühle mich in legendäre „Keimzeit-Zeiten“ zurück versetzt. Kurz vor 3:00 Uhr, es ist wohl nur noch der harte Kern im Zuschauerraum, meint Rudi, der inzwischen allein auf der Bühne steht: „na gut, eins singe ich noch!“ und tut dies dann auch allein mit seiner Gitarre, bevor das Abräumen beginnt und der Abend sein endgültiges Ende findet.
Ich sehe noch einen Moment beim Abbau zu, bedanke mich für ein wundervolles Erlebnis, verabschiede mich und begebe mich zu meinem Auto, welches mich trunken von Freude und Zuversicht, nicht von Alkohol, nach Hause bringen wird.

Ja, ich habe den Blues…
Im Ohr, in meinem Kopf… und vor allem in meinem Herzen…
Ich habe den Blues… für mich wieder entdeckt.

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