LiCHTBLiCK

Einen Abend wie diesen
zu genießen
zwischen Wort, Witz und Musik,
welch ein Glück!
(Naja, ich wollte es eben auch mal probieren, ich hör ja schon auf)

Der Club der toten Dichter hatte zu Wilhelm Busch nach Erfurt geladen. Nicht ganz unwichtig beim Entschluss, diesem Ruf zu folgen war mit welcher Begeisterung Norbert Leisegang von diesem Projekt und dessen Musikern sprach. Mein Interesse war geweckt. Also reingehört und nachgelesen. Ich hatte ja keine Ahnung von dem, was Busch uns noch alles hinterlassen hat. Denn „ein Buch, wenn es so zugeklappt daliegt, ist ein gebundenes, schlafendes, harmloses Tierchen, welches keinem was zuleide tut…“ Wie gut, dass Reinhardt Repke sich doch solcher annimmt und hier aus der großen Zahl vielschichtiger Dichtung, in der Busch scharfsinnig, spitzzüngig, unbestechlich und doch mit liebenswerten Humor die so immer mit einem Lächeln nachvollziehbaren menschlichen Schwächen und Eitelkeiten darstellte, eine abwechlungsreiche Auswahl traf. Und diese Stücke, zumeist mit mächtig viel Text(!), dann wunderbar in Musik kleidete.

Und nach allem, was bislang hier im E-feld, in Presse, Rundfunk und auf CD zu lesen und zu hören war, war ich nun wirklich ordentlich neugierig.
Dass das Konzert auf gerade den Tag fiel, der dieses – um nochmal den Finger in die Wunde zu legen – keimzeit“lose“ Jahr auch noch verlängert, ist ein seltsamer Zufall. Oder eine glückliche Fügung.

Nun denn, 20.00 Uhr. An nett mit zwar künstlichen Rosen aber dafür echtem warmen Kerzenlicht bereiteten Tischen wurden wir von sympathischen Kellnerinnen umsorgt, bis urplötzlich im Saal das Licht gelöscht wurde, um es gemeinsam mit unserer Aufmerksamkeit auf der Bühne zu konzentrieren. Dort rief wie von Geisterhand das Piano nach den Musikern, die sogleich ihre Plätze einnahmen.

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Eindrucksvoll und treffend ließen sie nun Wilhelm Buschs Geschichten lebendig werden. So war das Gewicht des Vaterseins deutlich spürbar – anbei vielleicht noch eine kleine Episode mit Kind: ziemlich sprachlos reagierte mein Mann, als eines unserer vier Kinder ganz unvermittelt zu ihm sagte „stimmts Papa, VATER WERDEN IST NICHT SCHWER“ – Ebenso wahrnehmbar war die Erleichterung, als der schmerzende Backenzahn endlich heraus und somit die Seele aus dieser engen Höhle befreit war.

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An diesem Abend erlebten wir jedoch eine sehr viel angenehmere Form des Vergessens von Kursberichten, Einmaleins und Steuergeschichten. Anschaulich erfuhren wir von PHILOSOPHEN, PFAFFEN und armen Poeten, von den Nachteilen der TUGEND und den Vorteilen des Einsamseins und der SELBSTKRITIK. Während man im Ärger mit einem allzu aufdringlichen KRITIKUS schon mal die Zeitformen durcheinanderbringen kann.

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ONKEL KASPERS NASE scheint förmlich auf genau diese Musik gewartet zu haben. Möglicherweise war diese wundervoll rote, wohlgestaltete Nase die Folge von WANKELMUT und mangelnder Entscheidungsfähigkeit in Bezug auf ein volles oder leeres Weinglas, was schließlich zu hören, beinahe zu riechen war.

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Und nachdem die Liebe, die so schön SCHEU UND TREU war, am Ende vielleicht doch erhört wurde und man nun „vereint in süßem Wellenschlage dem Meere zuströmen“ konnte, wurde dem Einblick ins Eheleben nicht eine Note zuviel zugeteilt; selbstverständlich ist heute und hier alles ganz anders, aber allein das morgentliche Zeitunglesen hat nun was ausgesprochen Amüsantes. Buschs eher unbekanntere Seite zeigte sich in den ZAUBERSCHWESTERN, die uns allen doch auch lange schon vertraut sind und in der tiefen SEHNSUCHT des zärtlich klagenden Herzens nach jenem ersten Frieden.

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Natürlich fehlten auch die beiden berüchtigten Buben nicht und die FROMME HELENE, die fröhlich, ja ausgelassen dahingeschickt wurde, was eine unglaublich ansteckende, wohltuende Wirkung hatte. Denn Repkes Anliegen war es auch, eventuell vorhandene Ängste aus Kindertagen abzubauen, wie er sagte. Volltreffer, würde ich sagen.

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So auch die Auswahl der Musiker, die er respekt-, fast liebevoll vorstellte: Helge Marx, den ich temperamentvoll am E-Bass oder sich an den großen Bass schmiegend, aber doch ständig irgendwie in Bewegung, genau die Lieder mitsingen sah, die auch ich nach dem CD-Kauf immer wieder nochmal angehört hab;

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Tim Lorenz, das Schlagzeug „reitend“, der mal stampfend, mal fast flüsternd sich heranschleichend, immer passend, Rhythmus machte;

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Jörg Mischke, der Herr der Tasten, der wahrhaft VIRTUOS Buschs eingespielte Bilder umsetzte. Und überhaupt. Sehr genial.

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Norbert Leisegang, was soll ich sagen, das nicht schon gesagt wäre zu Charme, Charisma, zu seiner alles intensivierenden Weise zu singen? Es tat gut. Doch auch Reinhardt Repke, der trotzdem er sehr konzentriert wirkte, sein Publikum zu unterhalten wusste, trägt in Stimme und Wesen viel Ausdruck und Kraft, was zweifellos Eindruck hinterlässt.

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Nach zwei Zugaben, auch einigen Liedern, die auf der CD fehlen (ein weiterer Grund für einen Konzertbesuch), viel Spaß, Begeisterung und Freude im Publikum und auf der Bühne verließen die Musiker diese, um für Autogramme zur Verfügung zu stehen.

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Reinhardt Repke würde ich jetzt gern noch ermuntern, weitere solcher „Schätze“ zu heben und so großartig und mit diesem Gespür für die Melodie der Gedichte mit Musik zu versehen, wie das hier bei Busch und auch bei Heine schon gelungen ist. Für mich war das auch eine Anregung, doch wieder ein wenig mehr mit diesem oder jenem Dichter „angenehm die Zeit zu töten“.

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Danke dafür und für diesen ganz famosen Abend.

Bericht: Angela

Fotos: René

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