Bunker, Musik und der Wettergott

Kritisch beäugte ich die Wettervorhersage fürs Wochenende. Es sah nicht gerade rosig aus für ein Openair. Wollte ich dieses Jahr doch eine der schon zur keimzeitlichen Tradition gewordenen Veranstaltungsstätten selbst einmal besuchen. Nicht zuletzt machte mich ein Bericht René´s aus dem Jahre 2006 auf diesen Ort neugierig, da es hier, neben guter Musik, auch noch Historisches zu betrachten geben sollte.

Ungeachtet des aufkommenden Regens ließ ich mich von meinem Navi leiten und kam am späten Nachmittag in Heyrothsberge an. „Bitte hier rechts abbiegen“ … tönte es aus dem Lautsprecher. Fast hätte ich die kleine Straße übersehen, welche zum Gelände des Bunkerparks führte. Kurze Zeit später war auch René angekommen und wir wagten einen ersten Blick aufs Gelände. Bekannte Klänge drangen von dort hinüber. Der Soundcheck war schon in vollem Gange. … Und es regnete…

Bänke und Tische waren aufgestellt und tropfnass. Nur gut, dass es einige Schirme gab, die den notwendigsten Schutz vor der Witterung boten.
„Das hört noch auf, bis zum Konzertbeginn!“ Norbert, der unseren Weg kreuzte, als er zur Bühne lief, versicherte es uns gut gelaunt, mit jenem breiten Grinsen im Gesicht, welches selbst Petrus überzeugen musste.

Hunger?… Hunger! … René und ich beschlossen, noch in den Ort zu gehen und uns in einer Lokalität kulinarisch verwöhnen zu lassen. Doch… Pustekuchen! Das einzige Lokal dieses verträumten Ortes erwartete eine geschlossene Gesellschaft und war dadurch wohl nicht in der Lage, für uns etwas Essbares zuzubereiten.

Nun, selbst ist der Mann (und natürlich auch die Frau), wir hatten ja vorgesorgt. Zurück bei unseren Autos spannten wir eine Plane auf, es regnete ja noch immer… holten Grill, Campinggeschirr und Grillgut hervor und machten es uns gemütlich.

heyrothsberge01

Indessen wurde es langsam voll auf den Wegen vor dem Konzertgelände. Viele vorbei laufende Menschen mit fröhlich erwartungsvollen Gesichtern grüßten uns und wünschten „guten Appetit“ und wir ließen es uns munden. Bis dann ein Anruf dem gemütlichen Picknick ein rasches Ende setzte. Jörn war inzwischen eingetroffen und mahnte uns zur Eile. Der Platz sei schon gut gefüllt und das Konzert würde in wenigen Minuten beginnen.
Fix waren sämtliche Utensilien verstaut und wir begaben uns zum Ziel des heutigen Abends.

Es blieb nur noch kurz Zeit, einige Freunde zu begrüßen und schon klangen die alt vertrauten Begrüßungsformeln aus den Lautsprechern:
„Guten Abend meine sehr verehrten Damen und Herren, teure Freunde, hier ist Keimzeit…“ Wie, als hätte jemand den Schalter umgelegt, hörte es auf zu regnen. Norberts Prognose bestätigte sich. Hatte er etwa einen Pakt mit Petrus geschlossen?…

heyrothsberge02

Vertraute Klänge in unseren Ohren, das Gefühl, Zeit hätte keinen Wert, ein ganzes Jahr ausgelöscht, auf Sekunden minimiert. Nein, sie waren nie weg! Und, sie haben heut Neues im Gepäck. Neben alt vertrauten Stücken (… ich staune über mich selbst, wie textsicher ich noch bin), gibt es jede Menge erfrischende neue Klänge, umrahmt von Anekdoten ihrer Entstehung. Viel Vertrautes erscheint in neuem Gewand und bezaubert dadurch den Zuhörer neu.

heyrothsberge03

Man mag sich streiten, ob die „alten Versionen“ besser seien, da halt gewohnt, oder einfach Ohr und Herz öffnen, Neues annehmen und Veränderung als Entwicklung verstehen. So wurde zum Beispiel „Singapur“ für mich ein Klangerlebnis, welches sich neu, aber ganz intensiv in mein Herz schlich. Anfangs in gewohnter Manier, nur am Piano begleitet, schwoll es im letzten Drittel an, wurde dynamischer, voluminöser. Der Einsatz der anderen Instrumente machte Aufbruch fühlbar, Bewegung, die Hoffnung auf eine Zukunft. „Wir müssen weiter, immer weiter, was soll’s“ … Ich, die ich dieses Lied schon immer liebte, entdeckte diese Liebe heut neu.

heyrothsberge29

Ein weiterer Streitpunkt, wie ich in der letzten Zeit immer häufiger las: Rudis Version vom „Imagine“. Nun, mir wurde erst beim zweiten Hinhören wirklich bewusst, an welchen alten Song des großen Meisters John Lennon diese Version sich anlehnt. Sicherlich im Original einzigartig und legendär, so sehe ich hier doch eher eine Hommage an den Meister, ein Erinnern ohne zu kopieren. Warum nicht einmal beschwingt und fröhlich, wo in Vergangenheit Melancholie im Vordergrund stand. Schließlich leben wir ja auch im Heute und Hier und nicht in den 60ern, 70ern und hier stehen nicht die Beatles, sondern Keimzeit auf der Bühne. Ich, welche noch nie großer Fan von 1:1 kopierten Coversongs war, finde diese Version gelungen und schön, auf ihre Weise.

heyrothsberge21

Auch an diesem Abend blieb viel Platz für Witz und Spaß am Spiel. So gab es neben gesanglicher Darbietung auch noch ein flottes Männerballett mit güldenen Instrumenten zu sehen, welches erstaunlicher Weise beim Tanz den Instrumenten auch noch die herrlichsten Töne zu entlocken vermochte.

heyrothsberge17

Generell muss ich sagen, dass der Bläsersatz eine wirkliche Bereicherung für die Band darstellt. Ein heimlicher Wunsch aus Tagen der Jubiläumskonzerte ist mir somit in Erfüllung gegangen. Robert Fränzel fügt sich in dieses Ensemble ein, als wäre es niemals anders gewesen und tröstet über die Sehnsucht nach Ralf, welcher trotz allem vielen Fans weiterhin in der Band fehlen wird.

heyrothsberge15

Wie jedes Mal, wenn Keimzeit spielt, ging auch dieser Abend viel zu schnell seinem Ende zu und nach mehreren Zugaben hieß uns „der Löwe“ Abschied zu nehmen. auch Petrus schien dies zu verstehen, denn just nachdem der letzte Ton verklungen war, öffnete er wieder das Himmelstor und ließ es schütten was das zeug hielt.

heyrothsberge32

Somit leerte sich der Platz relativ schnell. Noch ein kurzer Absacker unter nem Schirm, die feuchten und kalten Glieder an der Feuerschale noch einmal gewärmt und das eine oder andere Souvenir am Merchandising erstanden, dann zog man Richtung Heimat oder Schlafgelegenheit ab.

heyrothsberge34

heyrothsberge35

Als die Abbauarbeiten sich ihrem Ende näherten und fast alle Gäste gegangen waren, bekam ich nun endlich noch die Gelegenheit, mir den eigentlichen Bunker etwas genauer zu betrachten. Ich war erstaunt. Von der ursprünglichen Bestimmung dieses Bauwerkes war, abgesehen von einer verbliebenen Luftschutztür, rein gar nichts mehr zu erkennen. Im Innern eine gemütliche Kneipe, jenseits jedes erkennbaren Einrichtungsstils. Da wechselten sich einfache Stühle mit altertümlich, teils orientalisch wirkenden Sofas ab, an den Decken waren gemusterte Tücher angebracht, die Wände verkleidet und mit Schwarz/Weiß-Fotos von Musikern geschmückt. Verkleidete Wandstrahler standen im Kontrast zu wiederum orientalischen Deckenlampen mit Stoffbespannung. Irgendwie das Flair von „Flower-Power“ als Requisitendepot. Skurril aber gemütlich.

heyrothsberge33

Zu später Stunde hieß es dann auch für uns Abschied nehmen und wir begaben uns in unser „Selfmade-Schlafgemach“ am Rande des Weges unter der Eiche.

Wieder ging ein erlebnisreiches Musikwochenende seinem Ende zu und wieder diese Gewissheit in mir: „ich will mehr, und mehr, und mehr, und…“.

Bericht: Birgit

Fotos: René

Share Button

Kommentar verfassen