HerzTöne

Das war hervorragend ausgedacht: KEIMZEIT akustisch am Freitag, der Club Der Toten Dichter am Samstag darauf, in Zwickau, eine kleine Viertelstunde meinem gelegentlichen Unterschlupf in Gössnitz nah. Und mit Birgit und René verabredet, denn von Berlin und Ilmenau sind es ja auch nur zwei Katzensprünge… Aber ich wagte nur verhaltene Freude, als wir zuletzt gespannt und in heller Vorfreude in Eisleben Rilke hören wollten, hatte das Auto nur ein halbherziges „Klick“ für uns. Und tatsächlich meldete sich am Freitag Morgen so ein gemeines Lämpchen. Sollte man sowas deuten? Aber nein. Nach dem Frühdienst holte ich mir in der Werkstatt meines Vertrauens den Segen, sammelte zwei meiner Kinder ein, um sie die Vorzüge des Von-der-Großmutter-behütet-Seins genießen zu lassen, während ich mich musikalischen Genüssen hinzugeben gedachte und fuhr geradewegs in einen Stau – A 38, wo sonst nur die Sonne hin scheint! Zeichen? Blödsinn! Und doch nahm ich nach einem Kilometer in einer Stunde eine leichte Unruhe am Herzen wahr. Aber alles wurde gut.

Freitag Abend. KEIMZEIT in der Kirche. Ich war doch gespannt. Zuletzt sah ich sie im Januar in jenem Varieté-Zelt, das dieses sehr sinnliche Ambiente bot. Eine Kirche betritt man schon ganz anders. Und dann lass ich sie auf mich wirken, erdrückt sie mich mit dieser dunklen, manchmal unbehaglichen Schwere oder lädt sie ein zum Bleiben, bietet sie der Liebe Raum, die hier allsonntäglich gepriesen wird… In der sehr freundlichen Lutherkirche zu Zwickau wäre ich aber ohnehin geblieben, denn länger konnte ich nun beim besten Willen nicht auf meine Lieblingsmusiker verzichten.

Bei der Platzsuche traf ich auf Matthias und Jana, die sich sogleich heftig dafür aussprach, die „weltbesten“ Plätze in der 0. Reihe zu beziehen. Dann konnte es ja losgehen.

Ich mag diese instrumentale Einstimmung, wie ein sich Vorstellen, aufeinander Einstellen, Ankommen. Und wie ein nach-Hause-Kommen beim Wiederhören dieser vertrauten Klänge, beim Wiedersehen der Musiker, die uns mit offensichtlichem Vergnügen die vielfältige Welt der Musik öffneten.

Und wie ganz natürlich und unaufhaltsam breitete sich dieses schon bekannte, süchtig machende, herzerhebende Wonnegefühl aus beim Zuhören, wie Gabriele virtuos und zaubervoll und mit solcher Anmut die Geige spielte und auch beim Zusehen, wie sie die puschligen Schlägel fröhlich schwang zwischen ihren Pauken-Akzenten und fast übermütig die kleinen Hämmerchen des Glockenspiels um sich warf;

wie Hartmut diesem schönen Kontrabass gelassen den Rhythmus entlockte, wie er mit so gezupften Saiten oder nur einem kleinen Bogenstrich die Botschaft, die Dramatik eines Liedes unterstrich (und es sind jene Tiefen, an die mich anderntags Rilke erinnerte, wenn sein Spieler „aus zwei Saiten eine Stimme zieht…“)

dabei, wie Rudi trotzdem er englisch sang, was ich zwar mäßig verstehe, was mir aber einfach nicht so nah ist (eindeutig mein Fehler), meine Seele erreichte auch mit der Art zu singen, so einem bei-sich-Sein und mit seinem fassettenreichen und temperamentvollen Gitarrenspiel;

wenn Norbert singt, liest und erzählt von unterwegs, vom Reisen, auf der Suche nach Neuem, vielleicht auch nach dem, was von dem in der Vergangenheit Erlebten übrig blieb; von außergewöhnlichen Begegnungen und abenteuerlichen Erlebnissen – mit mehr oder weniger prominenten Menschen oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln, da staunte ich beispielsweise schon sehr, wie man sich einen Streik und die damit verbundenen Unannehmlichkeiten schön singen kann; und von Melancholie und Sehnsucht, die doch in solche Leichtigkeit eingebettet wurden oder in warme südliche, wie den Zigeunern abgelauschte Weisen. Zeitlos. Schön.

Bis in den letzten Winkel meines Herzens breiteten sich all diese so fühlbaren Töne und Zwischentöne des Lebens und der Liebe aus. Ach, solche Musik bewegt, beflügelt, und manchmal ist sie wie ein Rettungsring, eine Antwort, ein Glück.

Nur ab und zu wurde sie von den letzten Bänken um einen halben Ton verzögert zurück gegeben, das wirkte verwirrend, schien aber die Musiker nicht weiter zu stören. In ihren Blicken und Gesten, in ihrem Spiel war zu sehen, zu spüren, wie sie sich vertieften in die Musik und treiben ließen, einander mitnahmen. Und uns.

Und ich gebe zu, ich vergaß ein bisschen, dass ich in einer Kirche war. Die Bühne verdeckte den Altarraum und mein Blick schweifte nicht umher, wie an so manchen Sonntagen. Die Musik füllte den Raum, illuminierte ihn und so war es doch wie ein Dank an das Leben, das uns auf so verschiedene Weise mit all dem Schönen und Traurig-Schönen beschenkt, das zu solchen Liedern inspiriert. Und vielleicht an den, der alles wunderbar erdacht hat. Auch solche Abende zum Beispiel. Die trotzdem irgendwann zu Ende gehen…

Wir bummelten noch ein wenig im Nachklang des Abends durch die Nacht, bevor Birgit und René ihr Hotel bezogen und ich nach meinen schon lang ins Land der Träume entschwundenen Kindern sah. Und auch ich …„will leise Träume träumen…“.

Und endlich Rilke gesungen sehen. Gehört hab ich die Lieder oft, seitdem ich die CD im letzten Herbst geschenkt bekam. Am liebsten allein. Nochmal und nochmal und mit Tränen. Ich fühl mich dann so …ertappt, angerührt, so als hätte man mir ins Herz geschaut und sensibel, weit und offen für alles Fühlen, Ahnen, Sein. Rilke war ein Meister darin, Gefühle in Bilder zu wandeln, ein Maler fast, der mit seiner sehr schönen, feinsinnigen Sprache des Menschen Innen und Außen beleuchtete, des Lebens Geheimnis, Wahrheit, Tiefe und Weite zu ergründen suchte, Zeit und Welt um sich wahrnahm, LebensLust und Unlust kannte und all das zu Gedichten machte, die wie gute Gebete die Seele berühren.

Und es ist so gut, dass es Reinhardt Repke gibt, der den Dichtern nach denkt und dieses wunderbare Gespür hat, Gedichten auf den Grund zu gehen, ihre Musik, den Refrain zu erlauschen, die passende Stimme zu finden. So gibt er uns die Möglichkeit diese kleinen Kostbarkeiten neu wahrzunehmen, sie vielleicht erst jetzt als solche zu erkennen.

Samstag, Club Der Toten Dichter, Alter Gasometer. Auf der Bühne vorerst nur die clubeigenen Stühle, eine Unmenge Gitarren, ein ganz kleines Klavier neben dem Piano, Schlagzeug, die Lichtsäulen vom Busch-Programm haben kleineren Ballons Platz gemacht, die dieses Schwebende mancher der Gedichte andeuteten und schließlich erschienen auch die Musiker.

Zu den ersten Tönen dieser wunderbar leuchtenden Frauenstimme sah man die Herren fasziniert lauschen, ehe sie dann sich ihrer Instrumente erinnernd einstimmten.

Auch das Publikum ließ sich sogleich durchdringen von den so empfindsamen Texten, der das verstärkenden Musik, eine uferlose Fülle aller Schwingung, die man ebenso in dieser Stimme zu hören glaubt. Katharina Franck singt und rezitiert mit großem Ernst und so viel Innigkeit, dass ein Glanz von ihr ausgeht, so etwas Reines, Edles, Wahres, das sie in die Herzen trägt, manchmal leise, auch mal ganz ohne Mikrophon und doch für alle hörbar, spürbar oder den Schmerz des SELBSTMÖRDERs herausrufend.

Und es war die nach-empfindende Stille, die DIE LIEBENDE mitbrachte, in die hinein dem Fotografen die Blende vom Apparat fiel und uns kurz zurückholte.

Wie schön diese nicht weniger ausdrucksstarke, „knarzige“ Stimme des Reinhardt Repke dazu passt! Im Duett bei diesem zärtlichen SCHLAFLIED zum Beispiel. Die von ihm gesungenen Lieder verfehlen ihre Wirkung nicht, das OPFER trägt deutlich Repkes Handschrift und ROT WAR DER ABEND entwickelt so eine Leidenschaft, wie ich sie bei Rilke nicht vermutet hatte, aber wie hieß es noch im letzten Programm – „zweifach sind die Phantasien“, wobei das wahrscheinlich hier die selbe Seite der Medaille ist (aber, Herr Repke, einen Wolf kann ich mit diesem Lied so gar nicht assoziieren).

Ein wenig schaurig wird mir nur immer wieder bei dem Bild der kleinen Kinderseele, die er mit dieser Stimme so sacht zum Himmel steigen lässt und bei jedem Hören und Heraus-Hören des PANTHERs, der mir den Gedanken schickt, wie auch wir Menschen uns freiwillig(?) hinter Gitterstäben aus Bequemlichkeit, Gewöhnung oder Resignation in kleinsten Kreisen drehen… Nicht aber an und nach solchen Abenden.

Unser Andreas Sperling, der Pianist, dem wir auch hier gern zusehen und -hören und dieses Erlebnis gönnen, sang von den WACHSENDEN RINGEN, eines der drei oder vier mir bislang geläufigen Rilke-Gedichte, als Lied kann es nun noch viel besser in mir verweilen.

Mit Charme und Witz (ich glaube, er hat den MAX nie mehr ganz abgelegt) und teilweise von seinen Mit-Musikern spannungsaufbauend untermalt, erzählte Reinhardt Repke Geschichten aus dem Touralltag, von seinen Gedanken zu Rilke und der Entstehung dieses Projektes. Und er spricht mit so viel Respekt und Zuneigung über seine Musiker und nimmt durch sein aufmerksames Schauen eines Jeden Eigenheiten wahr.

So stellte er uns am Bass Markus Runzheimer als nach den tiefen Tönen tauchend vor und so sah es tatsächlich aus.

Am Schlagzeug sahen wir Bela Brauckmann, der hier erst zum vierten Mal dabei war, für mich klang es aber schon sehr nach Symbiose.

Immer wieder war da ein Miteinander, als spannten sie Fäden von einem zum andern, webten sich und uns so ein Netz, in dem wir uns alle gern verfingen.
Am Ende sangen alle vereint zum kleinen glöckchenhaft klingenden Klavier,

allen voran ein kleines großes Mädchen, textsicher, mutig und stolz.

Der Club Der Toten Dichter ließ uns hier die Gedichte des Rainer Maria Rilke sehr lebendig und nah sein.
Ich durfte zwei mich auf verschiedene Weise intensiv und anhaltend berührende Abende erleben und danke dafür allen Musikerinnen und Musikern und den lieben Menschen drumherum. Herzlich.

Ganz zum Schluss diesmal noch ein Rilke-Wort:
„Tage, wenn sie scheinbar uns entgleiten, gleiten leise doch in uns hinein, aber wir verwandeln alle Zeiten, denn wir sehnen uns zu sein.“

Bericht: Angela

Fotos: René

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4 thoughts on “HerzTöne

    Paula said:
    13. Juli 2011 at 20:06

    Hallo Angela !
    Das ist ein sehr schöner Bericht !
    Hallo Rene !
    Elisabeth (das Mädel im gelben Kleid ) sitzt gerade auf meinem Schoß , ist begeister von den Fotos und singt „Einmal wenn ich Dich verlier….“ Muß ich mehr schreiben ? Danke !
    Gruß Paula

      René Homuth responded:
      13. Juli 2011 at 20:14

      Danke Paula für deine lieben Worte.

      Schön das er der Kleinen auch gefallen hat. Diese Augen, einfach wunderschön. 🙂 Da steckt echte Begeisterung dahinter.

      Freue mich euch bald mal wieder zu sehen.

      Viele Grüße René

    Angela said:
    12. Juli 2011 at 21:44

    Danke Birgit, dann freu ich mich aber auch schon sehr darauf, von Deinen bewegten Bildern bewegt zu werden…

    Birgit said:
    11. Juli 2011 at 23:45

    Wow! Mir fehlen da einfach die Worte. Das ist ja Poesie in Reinkultur, die man hier liest. Großes Kompliment, Angela. Ich gebe ehrlich zu, mir kamen ein wenig die Tränchen beim Lesen dieser großartigen Zeilen. Erinnerungen leben auf und werden durch diesen Bericht lebendiger denn je. War wirklich ein grandioses Wochenende. Und nun bin ich wohl in der Pflicht, meinen Beitrag hierzu ebenfalls fertig zu bekommen. Also halten wir mal fest: wenn alles gut geht, wird es hier demnächst auch noch eine kleine Impression bewegter Bilder zu erleben geben. Um neugierig zu werden, zu bleiben oder sich zu erinnern… an die wundervolle Welt der Dichtung und der Musik.

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