Glücks

Oder wie sagt man zu der Vielzahl von auf so verschiedene Weise wahrnehmbarem Glück?

Der Herbst hatte also gerade begonnen, die Zeit, da Berlin einlädt, sich auf einem 42 Kilometer langen Weg laufend „erkunden“ zu lassen. Und weil mein Mann einer jener tausenden tapferen (und wie ich finde auch ein bisschen verrückten) Marathon-Menschen ist, und weil eine liebe Freundin dort immer ein Bett für uns hat, und weil – welch glücklicher Zufall – außerdem und vor allem KEIMZEIT-Wochenende sein sollte, machte sich zunehmend unterschiedlichste Vorfreude breit.

Birgit hatte noch ganz kleine Augen, als sie vom Frühdienst kam, die nur kurz größer wurden, als sie von diesem herrlichen Konzert in Potsdam am vorangegangenen Abend erzählte. Das wollte ich dann in Cottbus selber sehen, hören, fühlen…

René fuhr uns weg vom Berliner Regen einem hübschen Sonnenuntergang und wunderbar duftigen, abendrot angehauchten Wolken entgegen. In die Lausitz. Die ich dunkel nur mit besonderen Ostereiern, Bräuchen und Trachten in Verbindung bringe und einer eigenen Sprache, von der auch zweisprachigen Schilder hier und da zeugen, die aber doch verloren zu gehen scheint. Aber auch dem deutschen Wortschatz droht Verdrängung, Vergessen und damit Verarmung. Der Cottbuser Postkutscher, um ihn doch mal zu bemühen, wäre doch längst vergessen, wenn man ihm nicht diesen lustigen Zungenbrecher geschenkt hätte, und wann hört oder benutzt man schon noch Wörter wie Müßiggang, Sommerfrische, Broiler…, ‚grüne Brause‘ oder KLEINOD (puh, grad noch ´ne Überleitung gefunden).

Auch deshalb ist mir KEIMZEIT so lieb, weil mich all die Lieder von Liebe und Leben in meiner Mutter- und Herzenssprache ohne Umweg treffen.

In der Cottbuser Stadthalle wies man uns Sitzplätze, irgendwo im blauen Rang zu, die schon bequem erschienen, ließ aber auf unser Hinterfragen auch die Möglichkeit des Stehens vor der Bühne offen. Wir entschieden uns wie viele für Letzteres. Birgit hatte es sich dann ohnehin ein wenig abseits zwischen T-Shirts, CDs und Büchern gemütlich gemacht, die vor und nach dem Konzert zahlreich vom Cottbuser Publikum erstanden wurden.

Doch die Zeit dazwischen! Die füllte uns KEIMZEIT mit großer Spielfreude; mit zuweilen heiterer aber auch inniger, spürbarer Melancholie; schon mal den Finger in die Wunde legend; abgeklärt, fragend, Mut machend, entspannt, vergnüglich… wie das immer so ist, auf Reise im keimzeitlichen Kosmos.

Mit KOLUMBUS, diesem auch zu einem sehr schönen Video gewordenen Lied, das die eigene Phantasie bereichert mit so ganz anderen Bildern, als jenen, die in mir entstanden und immer wieder neu und anders entstehen, Denkanstöße, Verknüpfungen, Ort und Zeit übergreifend, jeder Satz ein Leben, eine Welt. Und am Ende die weitreichende ruhige, doch beunruhigende, zumindest nachdenklich machende Ahnung „… dann bist es morgen du“. Nein, Mainstream – oh, falsch: Massenware ist das nicht, das sind Lichtblicke, poetische Glanzlichter. Selber schuld, wer dafür keinen Sinn hat.

Tief innen wohnen und wirken die Lieder, wie sich zeigt im sanften, selbstvergessenen Gesang des Publikums bei SINGAPUR oder FLUGZEUGE beispielsweise, bis hin zu dem Stimmungs-Höhepunkt-Phänomen, jenem euphorischen „…bloß von hier weg, so weit wie möglich…“ ach, Fernweh überall.

Und dort tief innen in Musikerherzen scheinen besondere Menschen, wenn auch hier nicht körperlich, anwesend zu sein, wenn der Sänger ein ganzes Lied lang die Augen schließt – danke für solche Menschen, die unseren Norbert zu solchen Liedern inspirieren – oder wenn Andreas mit leisem Schmerz bittet, an der Ecke herausgelassen zu werden.

Aber natürlich liebe ich mindestens ebenso den hier und da geteilten AugenBlick, sehr gerne will auch ich meine Begeisterung, Dankbarkeit und Freude darin sprechen lassen.

Schön war´s, so lebendige Musik zu erleben, sich diesem Rhythmus zu ergeben, sich einfach träumend treiben zu lassen und vielleicht sich zu finden in den Worten oder dazwischen, den erstklassigen Gitarren zu lauschen und diesem jungen, erfrischenden Bläsertrio, das instrumental und auch singend wunderbare Akzente setzt.

Mit dem AQUARIUM im unheimlich passenden schillernd-düsteren Licht wollten die Musiker uns in die Nacht verabschieden, das konnte ja so nicht stehen bleiben.

Eine um die andere Zugabe wurde gewährt und als sich mit dem LÖWEN alle schon, wenn auch ein wenig unwillig, in das Ausklingen des Abends fügten, doch noch NATHALIE. Für den treuen Rufer, der mit zu reisen scheint. Na, wir wollen es ihm gönnen.

Am Ende waren da lauter frohe Menschen vor und auf der Bühne, die sich schließlich vermischten, Autogramme, herzliche Umarmungen, lange Gespräche – Danke, KEIMZEIT!


Ach ja, das andere Glück – mein Mann war anderntags mit seiner Zeit sehr zufrieden, wo er während dieser auf den Straßen Berlins sein Glück fand, wird mir ein Rätsel bleiben, ich halte es jedes Mal für ein Glück, dass ich ihn ganz und überhaupt wieder habe.

Bericht: Angela

Fotos: René

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