KEIMZEIT und der Lindenpark – Ein Heimspiel

Es ist herbstlich geworden. Während die Sonne am Tage noch wärmt, werden die Nächte schon empfindlich kühl. Jackenwetter ist angesagt. Heute kann ich mit den Öffis zum Konzert fahren und hoffe auf eine reibungslose Fahrt. Am Alex kurz aus der Tür geschaut und schon liegen wir uns in den Armen. Zwei unserer Berliner Freunde und ich. Die Fahrt geht weiter. Natürlich gibt es eine zehn minütige Unterbrechung in Wannsee, wo wir den Zug verlassen und auf den Nächsten warten müssen. Unvermittelt erinnert mich das an ein keimzeitliches Lied. „Streik“, natürlich naheliegend, auch wenn es sich hier wohl eher um einen technischen Defekt handeln sollte. Es hat auch was Gutes, kurz Luft zu schnappen, um den Rest der Fahrt ohne lästiges Telefongeplapper des Nebenmannes genießen zu können. Und Zeit haben wir ja genug.

Am Lindenpark angekommen, stoßen wir auf weitere Freunde und den Umstand, ernährungstechnisch ein wenig unterversorgt zu sein. Kurzum, wir haben Hunger!

Vor Ort erweist sich die Anwesenheit einer „Futterküche“ als Fehlanzeige. Also wird noch eine kleine Wanderung unter Zeitvorgabe eingelegt.

„Wir brauchen was Schnelles…“, erklären wir dem freundlichen Kellner, des italienischen Restaurants. „Kein Problem, bei uns geht alles schnell…“. Gut, wir kehren ein, bestellen und werden leicht nervös. Das Essen kommt dann doch recht schnell, ist lecker und im Nu verputzt, bezahlt und ab geht’s, zurück zum Ort des Frohsinns für diesen Abend.

Die Schlange vor dem Einlass ist schon ziemlich beachtlich, die Leute werden gerade herein gelassen.

Kaum im Innern des Clubs angekommen, erklingt der erste Ton. KAOLIN beginnen ihr Spiel. Heute Support und Doppelchicht für Hartmut am Bass.

Wir sind alle gespannt. Die Band spielt diesmal überwiegend eigene Songs. Besonders schön, die überwiegend deutschen Texte. Geschichten, wie sie das Leben schreibt. Ich mag diese Songs. Spannungsgeladen das Spiel von Wort und Musik.

Die Töne versuchen nicht, sich den Worten anzupassen, nein sie schwingen in Zwiesprache um die Textzeilen herum, mal unterschreibend, mal antwortend. Es ist nicht diese Herzschmerz- musik, welche man mitsingt, nachdem man die ersten drei Töne gehört hat. Jedoch prägt es sich ein, swingend, jazzend oder auch rockend. Ein Happening fürs Ohr. Marions warme klare Stimme rundet das Ganze ab.

So wundert es nicht, daß das ganze, inzwischen sehr voll gewordene, Haus in Begeisterung ausbricht, obwohl der Hauptact des Abends die Bühne noch nichtmal betreten hat. „Marion, Marion…!“, höre ich von Links die Rufe.:“Wir lieben Dich!“. Junge Frauenstimmen, welche dies rufen. Tolle Fangemeinde, die sie hier haben. Ein wenig Wehmut keimt in mir auf, als Kaolin die Bühne verlassen.

Lange sollte die Wehmut nicht anhalten, denn nun erklingt das bekannte Intro von „So“. Dunkelheit umhüllt den Saal. Stimmen verstummen, um kurz darauf in Jubel auszubrechen. Norbert betritt die Bühne. Mit ihm die Band. In die Musik vom Band wird nun live eingestimmt.

Vom ersten Moment an ist das Publikum da. Stürmischer Applaus und Chorgesänge schaukeln die Jungs in ungeahnte Sphären, die Stimmung ist unbeschreiblich. Überall strahlende Gesichter, auf der Bühne genau so, wie unten im Raum.

Wie schön muss es sein, denke ich kurz, einen Beruf auszuüben, in dem man Anderen so viel Freude bereiten kann. Hier ist ein großes Geben und Nehmen, ein wenig Glückseeligkeit, für einen Abend lang. Vergessen sind Alltagssorgen im Schwingen mit der Musik. Ach, könnte es doch immer so einfach sein!

Heute ist wieder einmal Lars Kutschke an den Gitarren der Welt. Freude auch in unseren Reihen. Das Konzert bekommt wieder eine andere Note. Die Fassetten ändern sich mit dem Wechsel der Gitaristen.

Für mich, welche in diesem Jahr schon einige viele Konzerte erleben durfte, ergibt sich aus den Wechseln eine gewisse Spannung in den Konzerten, welche ein Jedes zu einer neuen Perle erwachsen lässt. Auch bei den Bläsern hat sich etwas getan. Dieses Mal ist Ralf Zickerick an der Posaune nicht dabei. Ersetzt wird er durch den jungen Musiker Nils Marquardt. Auch Dieser fügt sich hervorragend ein.

Der Backroundchor unter den Musikern wächst inzwischen auch immer mehr heran. Fast alle singen fleißig mit. Somit wird unserem Sebastian kräftig der Rücken gestärkt, was nicht nur ihm gefallen mag.

Inzwischen kommen in mir Erinnerungen auf. Norbert singt gerade „Das Projektil“, als vor meinem inneren Auge Bilder entstehen. Ich sehe mich, es war 2005, hier genau an diesem Ort. Erste Reihe, ziemlich in der Mitte. Es war mein drittes Keimzeitkonzert und das Erste, zudem ich meine Heimatstadt verlassen hatte. Norbert war ziemlich erkältet und quälte sich durch die Höhen des Liedes. Hut ab! Tapfer geschlagen. Am Ende des Liedes sprach er die Worte: „ Was hab ich da bloß geschrieben?!“ Ich dachte zu diesem Zeitpunkt: „ ja, das frag ich mich auch“… Verstehen sollte ich den Sinn dann einige Zeit später. ;-), so wie es mir häufig mit Norberts poetischen Texten schon ging.

Lars spielt seine Soli. Seit Langem genieße ich wieder einmal mit geschlossenen Augen. Dieser Mann spielt nicht Gitarre. Er lebt sie! Mir scheint, daß er fast körperlich den Schmerz zu spüren vermag, welcher herüber klingt, wenn er die Saiten aufheulen lässt, die Erleichterung, wenn sie sanft schwingen.

„Rosi“… selbst Norbert schaut erstaunt und bewundernd hinüber, als Lars seine Gitarre zu Höchstleistung antreibt. Musik fühlen, ist wohl die Bezeichnung, die hier am ehesten zutrifft.

„Kling-Klang“, Das Publikum tobt. Völlig aus dem Häuschen singt alles: „bloß von hier weg, so weit wie möglich…“, dabei denkt wohl Keiner wirklich ans Gehen. Erstaunlich, daß dieses Lied immer und immer wieder die Herzen der Leute so hoch schlagen lässt. Das Lied halt mit dem höchsten Bekanntheitsgrad. Schön, aber schade für die vielen anderen Songs, welche mindest genauso viel Beachtung verdient hätten. Doch so ist das nunmal, mit den „Hits“ dieser Welt.

Dann, immer wieder die Rufe nach einer Dame mit „Migrationshintergrund“. Nathalie. „Mir gefiel nicht allein ihr Name…“ , ein Lied zum Lachen, ein „running gag“. Nun, sicher ein Erlebnis für jene, die selten Keimzeitkonzerte besuchen. Ich frage mich inzwischen jedoch, ob es die Musiker nicht manchmal schon nervt, es jedes Mal mit der gleichen Intensität zu zelebrieren. Das Publikum jedenfalls lässt sich selbst durch Klatschen entgegen dem Rhythmus nicht aus dem Takt bringen und brüllt lauthals in die Nacht: „ sie hatte soooooooo schöne blauuuuuue Augen…, Nathaliiiiiiiieeee“.

Ge“STREIK“t wird dann noch zusammen mit Marion Bohn. Schade, daß dies das einzige gemeinsame Lied der gesamten Familie Leisegang bleiben sollte.

Am Ende riesen Applaus und begeisterte Rufe. Das Licht geht an und Musik vom Band zeigt uns das endgültige Ende des Konzertes an.

Ein wunderschönes Konzerterlebnis liegt nun hinter uns. Eines der Besten, und da sind wir uns einig, wenn nicht sogar DAS Beste, welches wir in diesem Jahr genießen durften.

Großes Lob gebührt diesmal der Technik. Sowohl die Akustik, als auch das Licht waren einfach so gut wie genial. Ein weiteres großes Lob dem Publikum, welches nicht besser hätte sein können.

Und natürlich auch großes Lob und Dank an beide Bands, welche ebenfalls ihr Bestes gaben und uns alle außerordentlich begeisterten.

Bericht: Birgit

Fotos: René

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