Südharzer Variationen

Spätsommer in Nordhausen. Das lud an jenem September-Samstag Menschen von überall her ein, in den kleinen Straßen der Altstadt schlendernd, in den Gärten der Cafés und Kneipen oder in dem hinterm Haus diese samt-goldenen Sonnenstrahlen zu genießen, doch bald wurde klar, dass nicht so sehr der Sommer oder die Stadt lockte. Der Grund, weshalb sich hier diese Menschen plötzlich fröhlich und herzlich begrüßten, ist so eine Sucht nach der Musik, die immer wieder Sommer in ihre Leben bringt. Und die Musiker, die das vermögen, haben beim Italiener an der Ecke ein Plätzchen gefunden. Lassen wir ihnen noch ein wenig Zeit…

Schon zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts schrieb Gogol „… die ganze verführerische Kraft raffinierter Erfindungen des Luxus trachtet immer heftiger danach, unsere Gefühle zu ersticken und abzutöten. Wir dürsten, unsere arme Seele zu retten, diesen entsetzlichen Verlockungen zu entfliehen, und … haben uns in die Musik gestürzt…“!
Wie gut also, wenn es Musik gibt, die dieses beschränkte Dasein und alles das, was einengt und bremst, übertönt, Musik, die die Seele aufleben lässt, schläfrige Gefühle weckt und immer neue Welten öffnet.

In den Stadtmedien war das Keimzeit-Akustik-Quartett als ein Höhepunkt des 7. poeTon-Festivals angekündigt worden.
Die Blasii-Kirche inmitten der Stadt ist eine lebendige. Gottesdienste, Konzerte, Kinder-Musicals, Oratorien füllen sie regelmäßig. Nun begrüßten hier Pfarrer Wolf von Biela und Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeh (auch schon mal liebevoll ‚der Große Zeh‘ genannt) das Quartett, das ich in dieser Zusammenstellung noch nicht erlebt hab.

Am vorderen Rand des Altarraums reihten sich die drei Herren neben die strahlende Gabriele, deren Geburtstag Norbert preisgab, was ihr ein Ständchen aus den Herzen des Publikums und Blumen aus den Händen des OB bescherte.

Stiller klang es, inniger, trotz des Schlagzeugs und all der anderen lustigen Geräte, die Christian mit so angenehm intensiver Zurückhaltung sprechen ließ.

Sodass Gabriele schon mal sanft an der Pauke „unterstützte“ oder kleine eigene variierte Klings und Klangs darbot. Das Arrangement der Instrumente – die tiefen warmen Kontrabasstöne und die eindringliche Geige, die alles Gefühl zu verstärken scheinen, die verschiedenen Gitarren und Stimmen und jene unaufdringliche Perkussion – das betont die Seele dieser Musik und gibt ihr einen ganz besonderen Glanz.

KEIMZEITlich Zeitloses aus all den 30 Jahren haben sie mitgebracht und wunderbare Film-Musiken, mit denen sie uns in diese Stimmungen versetzen, die im Labyrinth der Liebe (ob Norbert dort seine hübsche rote Gitarre gefunden hat?) wohnen, auf den Wegen und Irrwegen aus Leidenschaft und Schmerz, Rausch und Ernüchterung, Träumen, Wünschen, Sehnsucht und tief-blauer Melancholie… Und für die Gedanken und Gefühle, die die Melodien wachrufen und auf die Reise schicken, ist so eine verschwiegene Kirche ein guter Hort…

Es war mir eine tiefe Freude, so von Einem zum Andern zu sehen – ob sie wissen, was das für ein Glück ist, die Lieblingsmusiker in der eigenen Stadt zu haben? Letztlich ist es egal, denn immer wieder nahmen sie uns fort von hier mit KOLUMBUS in die Welt, auf die Suche nach dem Neuen, nach Liebe, nach dem Leben, das doch nicht nur schöne, helle FARBEN sondern eben auch die dunklen bereithält, wie schon der kleine Tim, der den Preis der Freiheit, der Selbstverwirklichung der Eltern zahlt, oder Benni, dessen siebenjährige Seele auf die Norm der Gesellschaft gestutzt wird, schmerzlich erfahren müssen. Die Erkenntnis im Beifall des Publikums lässt hoffen.

In dieser stilleren Quartett-Variante und mit der einfach auch Melancholie mitbringenden Geige klang es MITTEN IM FLUSS so, als würde da zuerst dem Ich Aufmunterung und Mut zugesprochen. Dass andererseits die Auswirkungen eines GENERALSTREIKs auf so heitere Weise vorgetragen wurden, ließ uns beim Erwachen erleichtert aufatmen: diesmal noch war es nur ein Gedankenspiel des Sängers. Er ist wie ein Flaneur im Kosmos des Lebens, mit dessen Liedern mich immer wieder auch neu Wirklichkeiten und Imaginationen durchfließen.

Ein wohltuender Abend, auch dank der Ausstrahlung der Musiker, der sichtbaren Freude im Zusammenspiel, die sie ans Publikum weitergaben, das den Rhythmus aufnahm und mit klatschend zurückgab, mit sang und am Ende, die Seelen in den Klang der Welt getaucht und – für heute gerettet -, die Musiker stehend verabschiedete.

Dann wurde es Nacht und es wurde Morgen und alles war wie immer.
Und ist es doch nicht.

Herzlichen Dank den Musikern für´s Kommen und für´s Verzaubern. Und Danke Dirk (auch dafür, dass Du sie hierher geschickt hast).

Bericht: Angela

Fotos: René

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