Weiter, immer weiter…

Annaberg-Buchholz

Waren sie noch vor Jahren auf der TOUR NACH SINGAPUR bis LAND IN SICHT war, sind sie nun also wie KOLUMBUS unterwegs. Und wir dürfen ein Stück mit. Die Welt entdecken…
Vorerst die Republik, das Erzgebirge – im Frühling, wie schön das immer wieder ist, dieser Duft, die ersten warmen Sonnenstrahlen, die Farben, die zaghaft aber unaufhaltsam dem öden Grau die Kraft nehmen und die Kätzchen, die sich aus den Weiden kuscheln… die Welt entdecken, wahrnehmen. Im Unterschied zum guten alten Kolumbus jedoch gibt es nicht die unangenehme Nebenwirkung des Missionierens, KEIMZEIT sind vielmehr unterwegs Erkenntnis suchend Räume zu öffnen, zum Gebrauch der eigenen Augen und Ohren zu ermuntern, Gewinn bringend Dialog zu pflegen oder einfach gute Musik ins Land zu tragen.

Daran teilzuhaben füllten zahlreiche frohe, freundliche Menschen die kleine Alte Brauerei. Darunter die Musiker der jungen vielversprechenden Vorband: sofia!

Durchaus hörens-, sehens- und bemerkenswert. Zwischen Liebe und Wut spüren sie in ihren guten deutschen Texten dem Sinn, den Gefühlen und Farben des Lebens nach. Und das mit einer Klangfülle, dass ich doch sehr erstaunt war, um die Sängerin francesca

mit dieser anmutig experimentierfreudigen Stimme nur noch zwei Herren auf der Bühne zu sehen.

Dass sich eine Saite ihrer Gitarre gleich beim zweiten Lied entschloss zu reißen und spontan eine keimzeitliche Gitarre dargereicht wurde, wird ihr eine besondere Ehre gewesen sein und in eindrücklicher Erinnerung bleiben, sagte sie doch mit nicht wenig Respekt und Freude, dass sie mit KEIMZEIT aufgewachsen sei.

Gute Grundlage also. Alles Gute, weiter so!

Bevor nun KEIMZEIT anlegen konnten, brauchte es eine Umbaupause, um all den mit Freude erwarteten Musikern auf der doch sehr kleinen Bühne Platz zu schaffen.

Dann hatten wir sie wieder. SO. Und schon wussten wir, wo wir hingehören. Das Publikum rückte noch weiter an die Bühne heran. Nichts sollte ungehört und ungesehen bleiben. Entdeckerdrang. Denn immer lohnt es sich, den keimzeitlichen Herzschlag aufzunehmen.

Die Karten waren neu gemischt worden. Ein neues Programm. Ich gebe zu, mir fehlte meine Freundin ROSETTA, dafür winkten 1000 LEUTE aus 2002 herüber, ROSI hat sich sehr verändert und MAMA ließ erkennen, dass so mancher Kindertraum doch wahr werden kann –

das mit dem Zauber klappt doch (also bloß nicht bremsen, die Kleinen!) – sieht man mal von jenen Träumen ab, die auf so einer Fahrt nach SINGAPUR verloren gehen können…

Das neue Album schickte bunte Vorboten, mal als fragile Illusion, mal als schmerzliche Nahaufnahme oder philosophische Betrachtung. Ein paar davon hatten schon im alten Jahr Wurzeln geschlagen und zwinkerten uns dennoch ganz aktuell zu – AAAa GENERALSTREIK, erstaunlich, wie sie das Gefangensein im Teufelskreis der allgemeinen Unzufriedenheit oder unseliger sozialer Gewohnheiten in die Leichtigkeit der Musik hüllen. In seinen Texten bietet Norbert keine Problemlösung an, eher die Anregung zu überdenken, weiter zu denken. Und das auf seine charmante Weise, dass man sich dem einfach nicht entziehen kann.

Ach Rudi, die Stimme, die Musik, diese bodenlosen, ins Weite entführenden Gitarrenklänge…dahin. Aber wie alles Neue, jede Veränderung, wird nun diese neue Impulse und Möglichkeiten mit sich bringen.

Saitenwechsel.
Lars Kutschke zeigt auch dieses innige Verschmolzensein mit seiner Gitarre, alles in die Musik gebend, sodass man das Gefühl hat, er bräuchte jetzt gar nichts sonst. So passt er gut zu unseren Lieblingsmusikern. Manchmal, wenn sie sich alle an der Musik berauschten, war es, als würden sie ihm ein wenig mehr Raum geben, lauschen. Und auch die Kommunikation stimmt. Sie finden sich.

Nun ist es an dem inzwischen sehr an Selbstbewusstsein gewachsenen Sebastian, neben den wunderbaren Trompetentönen auch seine stimmlichen Stärken dem Publikum nahe zu bringen, so den Abend zu bereichern.

Er und Andreas übernahmen teilweise sehr enthusiastisch die Begleitstimmen, auch mal fröhliche Zwischentöne. Zur Erheiterung aller.

Doch dann hat sich Andreas` nach vorn weisender Blick in der Melancholie der Widersprüche verfangen, er sang uns Niels Freverts DU KANNST MICH AN DER ECKE RAUSLASSEN, „…ich will gehen, vergehen…“, wer kennt das nicht?

All das rhythmisch in verschiedenen Windstärken unterlegt von Roland

und Hartmut und in Zwiesprache mit dem Publikum ließ jene lebendige KEIMZEIT-Atmosphäre entstehen, die so einen Abend trägt.

So klingt das Alte, wohlig Vertraute manchmal doch so neu. Mal unerwartet still und anderswo treibend, heftiger. Dieses Mal allgemein irgendwie erdiger. Und das ganz Neue klingt überraschend, erfrischend, anders. Darüber staune ich jedes Mal. Und freu mich dran, an all den grad entdeckten oder wieder gefundenen Wahrheiten, Weisheiten, an diesen Gedankenflügen und am Meer der Musik, dessen verschwiegenen Buchten oder endlosen Tiefen.
Wie eine Quelle aus Wort, Musik und Bild mobilisieren die Musiker unsere Reserven, um den Widrigkeiten des Lebens beherzt, beseelt begegnen zu können. Oder dem Glück.

Und das nun schon im 30. Jahr – Herzlichen Dank, KEIMZEIT! Und die besten Wünsche für die Weiterreise…

Es bleibt so eine Sehnsucht, mit der die sesshaft gewordenen den Reisenden wohl immer nach schauen.

Ein üppiges Frühstück in unserem allerliebst-gemütlichen Hotel diente als gute Grundlage für ein weiteres feines Erlebnis: Wir fuhren in den Berg ein. Von dieser Entdeckung der Unterwelt und der Mühsal beim Bergen der Schätze der Erde will Birgit ausführlich schreiben…
Ich mag mich an der Stelle schon mal bei Dirk bedanken, für die gute Idee und für diesen anheimelnden Vormittag.

Bericht: Angela

Fotos: René

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