Heimatgefühle

Wie hatte ich mich darauf gefreut! Keimzeit- Akustik in den Gefilden meiner zweiten Heimat zu Kindertagen.

Hier in der Nähe von Oelsnitz/Vogtland, kannte ich jeden Stein, jeden Berg, die Wiesen und eben auch jene Sadt. Anfangs, zu Zeiten der sogenannten „Volkswirtschaft“ war Oelsnitz bekannt als „Teppichstadt“ und bedeutender Textilherstellungsstandort. Der Bergbau, welcher zuvor noch große Bedeutung hatte, wurde zum Ende der DDR-Aera immer mehr eingestellt.

Einige Zeit nach der Wende kam ich an diesen Ort zurück. Ich erschrak, als ich durch die fast leeren Straßen des Städtchens schlenderte. Hier schien alles am Boden zu sein. Der Marktplatz menschenleer, die mir von Früher bekannten Geschäfte geschlossen und verlassen. Ein trauriger Anblick.

Nun verwunderte es mich so einigermaßen, als ich erfuhr, daß just an diesem Ort unser Akustik-Quintett aufspielen sollte. Und das im Schloss Voigtsberg, welches meiner Erinnerung bis dato relativ fern geblieben war. Sollte sich in den letzten Jahren in dieser vereinsamten Stadt doch etwas getan haben? Sollte ihr etwa neues Leben eingehaucht worden sein?

Vielleicht waren meine bisherigen Empfindungen ja auch trügerisch und ich, als Großstädter hatte die Urbanität dieser Stadt nur nicht wahrgenommen? Wer weiß…
Jetzt, beim ersten Durchfahren der Stadt glaubte ich schon neues Leben zu spüren. Der Himmel, grau verhangen, Nieselregen. Trotzdem wirkten die Häuser belebt. Wir fuhren in Richtung des Schlosses. Bedenken keimten in uns auf. Der Veranstalter wird doch hoffentlich eine Alternative zum Schlosshof parat haben. Wenn das so weiter geht, erleben wir heute wohl noch eine Wasserschlacht.

Wir trafen relativ zeitig am Schloss ein. Es regnete. Unsere Hoffnung auf ein trockenes Plätzchen fürs Konzert wurde von einem, ebenfalls gerade eingetroffenen jungen Mann geteilt und, wie die Unsrige Minuten später enttäuscht.

Das Konzert sollte wirklich im Freien stattfinden. Wir sahen uns eines durchnässten Seitenhofes des Schlosses, mit regentriefenden Stuhlreihen und einer, ebenfalls benässten Bühne gegenüber. Das freundliche Empfangspersonal hatte für jeden Gast Haushaltspapiertücher und die bange Hoffnung, es möge doch gleich aufhören zu regnen, parat.

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Wir hatten natürlich vorgesorgt und uns Regenschutzkleidung angelegt. Nicht chic, aber praktisch. Die Wartezeit vertrieben wir uns mit einigen anderen Gästen in einem der Steinbögen an der Seite der Festung.

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Der Hof blieb lange nur mäßig belebt. Kein Wunder bei diesem Wetter. Ich befürchtete schon, es könne ein Konzert vor einer Handvoll Zuschauer werden.
Nun, der Regen ließ nach. So langsam krochen die Anwesenden unter den Gewölben hervor, zückten die Haushaltstücher und trockneten notdürftig Sitze. Wir taten es ihnen gleich.

 

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Inzwischen gab es kaum noch Feuchtigkeit von oben, nur unangenehm naßkalt war es noch. Mich wunderte ein wenig der Bühnenaufbau. Zu Schwechis Schlagzeug gesellte sich ein weiterer Aufbau mit Percussions, ein Keyboard und eine zusätzliche Gitarre. Alles anders als gewohnt.

Die Aufklärung des Rätsels folgte einige Minuten später. Drei junge Leute enterten die Bühne. „Aah, Vorband, ich verstehe.“ Die junge Sängerin, Loreen Zacher, begrüßte das Publikum und bedankte sich für das zahlreiche Erscheinen, trotz der widrigen Witterunsumstände.

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Und Tatsache, zu meinem freudigen Erstaunen hatte sich der Hof inzwischen gefüllt. Es war kaum ein Platz leer geblieben und einige Zaungäste machten es sich auf der Schloßmauer gemütlich.

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Dann begann das Programm. Poppige Akustik-Klänge in Songwrighter-Manier ließen das Publikum aufhören. Augenscheinlich waren wohl viele Freunde, Bekannte und Verwandte der jungen Künstler erschienen. Es wurde fotografiert, gefilmt und vor Allem mitgesungen und geklatscht.

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Wie schön! Hier wurde in Deutsch gesungen. Eigene Texte und Melodien, eine erfrischend jugendliche Stimme und charmant-witzige Ansagen der jungen Künstlerin. Es machte Spaß, ihnen zuzusehen.

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Dann, nach einer kurzen Umbaupause erschien nun unser Akustik-Quintett.

Der Bühnenaufbau ward nun wieder vertraut, die Musiker guter Dinge und Norberts Lächeln breit,wie immer.

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„Zwei plus zwei ist zweiundzwanzig“, die Show begann. Die Band hatte ihr Programm inzwischen ein klein wenig umgestellt und einige Neuvorstellungen mit hinzugefügt.

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Das Publikum , größtenteils begeistert, war sofort dabei und von Regen und Melancholie nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil, trotz der äußeren Umstände machte sich Sommerfeeling breit. Bei einigen Zuschauern anscheinend etwas zu viel des Guten. Sie wähnten sich wohl vermeindlich eher in einer Coctailbar, als bei einem Konzert und lachten und erzählten lauthals durcheinander.

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Ich fands etwas schade, daß gerade dies in den ersten Reihen geschah. Hätten sich diese Leute doch lieber an den Bierstand verzogen und Anderen ihren Platz überlassen. Aber was solls. Auch dieser Umstand tat der allgemein guten Stimmung keinen Abbruch und als dann auch noch das altbekannte „Klingklang“ angestimmt wurde, waren selbst die Gesprächigen voll aus dem Häusschen und sangen laut mit.

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Inzwischen war nun auch der letzte Tropfen Wassers getrocknet und gab einen zauberhaften Blick zum Schlossturm und über die erleuchtete Stadt Oelsnitz frei. Eine wundervolle Kulisse für ein ebenso herzerwärmendes Konzert. Möge es irgendwann eine Wiederholung geben, wünschte ich mir. Vielleicht dann bei strahlendem Sommerwetter und hellem Sternenschein.

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Meine Freude, die zweite Heimat aus Kindertagen, so frisch und wiederbelebt zu erleben, hielt sich in mir noch lange Zeit frisch und ich bin guter Hoffnung, daß die Stadt Oelsnitz mit ihrem vogtländischen Charme eine Renaissance erleben und ein Anziehungspunkt für die Menschen aus Nah und Fern werden wird.

Bericht: Birgit

Fotos: René

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