Zusammen

-dynamisches Zusammenspiel von Keimzeit und dem Filmorchester Babelsberg

Eigentlich wollte ich gar nicht hin. Eine Werbeveranstaltung im großen Kaufhaus Dussmann mitten in der Berliner Mitte – das kann ich mir sparen, dachte ich. Außerdem leide ich unter Wetterfühligkeit und hatte wegen Tief Sabine Kopfschmerzen. Aber dann hörte ich das Interview auf Radio Eins mit Peter Radzuhn, das Lust auf mehr machte und Sting sang mir ins Ohr: „Dont think about the weather, we should be together…“. Das passte – zusammen, so auch der Titel des neuen Keimzeit-Albums, das im November und Dezember letzten Jahres zusammen mit dem Filmorchester Babelsberg aufgenommen worden war und nun als CD und auf Vinyl käuflich erhältlich ist.

Als meine Freundin, Melli und ich im Dussmann-Café zur Record-Release-Veranstaltung eintrafen, war bereits alles voll. Der kleine Raum vor der ebenfalls kleinen Bühne, war komplett belegt. Ich wollte mich gerade in der letzten Reihe stapeln lassen, als Melli uns mit ihrem Behindertenausweis zwei Plätze vorne organisierte und dabei grinsend meinte: „Für irgendwas muss es ja gut sein.“

So saßen wir nicht nur zusammen, sondern mittendrin, in einem Publikum, das gewohnt vielseitig war und alle Altersschichten zu bieten hatte.
Schon für das Interview hat sich der Besuch der Veranstaltung gelohnt.

Peter Radzuhn warf Norbert Leisegang und Prof. Bernd Wefelmeyer (Dirigent des Filmorchesters) seine Fragen wie Bälle zu. Norbert stürmte in der linken Flanke mit treffsicherer Wortakrobatik vor und erzielte dabei auch gelegentliche Schmunzler, und volle Sympathie beim Publikum, während Bernd Wefelmeyer mit einem gelegentlichen Kopfschuss die Sache überlegen abrundete.

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Übertrumpft wurde ihr Spiel nur von Jürgen Block, der bescheiden im Hintergrund auf seinen Einsatz wartete. Der Meister des Tons machte mir zum ersten Mal das derzeitige Schallplattenrevival verständlich, als er treffsicher und zugleich zärtlich mit Nadel und Platte hantierte, mit einer liebevollen Gestik, wie ich sie bisher nur von Engländern bei der Zubereitung ihres Tees kannte.

Auf das Interview folgte ein dynamisches Zusammenspiel der Band, das kein Orchester vermissen ließ. In fünf Songs und zwei Zugaben gemischten Datums glänzten die mitreißenden Gitarrenpassagen von Martin Weigel und schmelzenden Hornsoli von Sebastian Piskorz und auch Norbert Leisegang konnte beweisen, dass die jahrelange Erfahrung seine Stimme noch souveräner und geschmeidiger gemacht hat. Eine ausgeglichene und runde Performanz und ein spannendes Album, das für Fans und Nicht-Fans durchaus des Reinhörens und Staunens lohnt.

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Schön sind vor allem das Arrangement von „Picassos Tauben“, in welchem das Orchester voll zur Geltung kommt und sich die Band komplett zurücknimmt. Überraschend überzeugend ist ebenso der Gesang von Felix Meyer in dem Keimzeit-Klassiker „So“ und der geprochene Text von Oliver Rohrbeck (Die drei ???) in „Gold für einen Ring“. Keimzeit übt sich nicht nur im Zusammenspiel, sondern auch im Loslassen. Denn, so wie auch Pausen Teil der Musik sind, ist bei diesem Album vor allem überzeugend, dass die Band nicht immer spielt und so das Zusammenspiel mit dem Orchester wirklich genau das wird. Ein Album, auf dem eine Band und ein Orchester gleichberechtigt zusammen spielen und dabei Spaß an der Musik hörbar werden lassen und Vorfreude wecken auf weitere Konzerte.

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Während Melli heute Morgen wieder mit ihren Kindern jongliert und meine andere Freundin in Kreuzberg gegen Nazis demonstriert, bin ich bei mir und höre: Zusammen. Wie könnte ein Wochenende besser beginnen?

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Bericht: Anne Dietlind Wauer

Fotos: Melanie Rehmann

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2 thoughts on “Zusammen

    René Homuth responded:
    2. Mai 2014 at 16:57

    Ich kann mich da nur anschließen. Vielen Dank. Und wie schon so oft der Aufruf 🙂 . Wer Lust hat einmal einen Bericht zu schreiben mit ein paar Fotos dazu. Nur zu, wir freuen uns.

    Birgit said:
    2. Mai 2014 at 16:41

    Vielen lieben Dank für diesen schönen und bildhaft informativen Bericht. Besonders erfreut bin ich, da ich leider wieder einmal dienstlich verhindert war und somit hier ein klein wenig Einblick in das Geschehen erhalten durfte. Danke und…
    ich freue mich schon auf „mehr“ von Dir. 😉

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