Es gibt keine Wirklichkeit …

„… als die, die wir in uns haben.“ Hermann Hesse

Jetzt aber!

Weit sind wir schon mit ihnen gereist – Berlin, Amsterdam, Mailand, Singapur, Tokio, Feuerland… – nun also ins All. War es am Ende nur eine Frage der Zeit? Auf einem Esel. Nun ja. Es scheint eine kleine Unwahrscheinlichkeit in dieser Vorstellung zu liegen. Aber genau das ist es, was Keimzeit gelingt: Raus aus der Enge begrenzter Wirklichkeiten und Möglichkeiten, den schnöden vorgegebenen Normen entfliehen… Im Handumdrehen. Mit Keimzeit ist das unwahrscheinlich einfach. Ob beim Hören der CDs oder beim nahen ErLeben.
In Erfurt zum Beispiel.

Schon beim Ankommen am Stand, wo sie die konservierten Imaginationen scheibenweise zum Erwerb bereit legten, erzählten die beiden Fröhlichen Mitreisenden, wie ganz und gar begeistert sie vom derzeitigen Programm sind und wie phantastisch gut sich die Neue am Vortag in Dresden verkaufte. Wir hatten sie schon. Mehrfach gehört, teilten wir die Begeisterung. Jetzt also durften wir endlich auch mit den Augen aufnehmen, was wir bislang nur hörten.

Nachdem James Last verstummte (die Band hatte keinen Einfluss auf diese Einstimmung, verriet man uns) und das Licht schwand: deutlich vernehmbares Ticken… Die Musiker schummelten sich im Halbdunkel auf die Bühne, von vorfreudigem Applaus begleitet, der in ein kraftvolles GUTEN MORGEN DEUTSCHLAND! mündete.

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Hellwach nun das Publikum. Mit den ersten drei Liedern fegten uns die Musiker so Schlag auf Schlag um die Ohren, dass man kaum zum Durchatmen kam. Es wirkte frisch, wie neu belebt, ja tatsächlich grad zum Frühling passend und ihm gleich, wenn all das Grün und Bunt in schönster Vielfalt aus dem Wintergrau herausplatzt, oder was sonst eben sich so explosionsartig den Weg ins Leben bahnt…

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Zum Atem holen erlaubte uns Norbert einen kleinen Einblick in die ganz und gar eigene Herstellung der CD, die Zeit, in der sie nach Zinnowitz ‚in Klausur‘ gingen oder auch ins Trainingslager – seine Worte ließen vieles vermuten -, er beschrieb aufs Genaueste den Weg in Andreas‘ Studio und ließ die bereichernden Erfahrungen mit Silvana Schröders Ballett-Companie einfließen, aus denen heraus auch ein lange in der Schatzkiste verwahrtes KLEINOD wieder den Weg hierher auf die Bühne fand. Eine Impuls- und ereignisreiche KeimZeit also.

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Dann ließ er wieder die Lieder sprechen. Klug, sensibel, unverfälscht wirkte das Neue, das sie uns nun, zwischen dem, was wir schon kennen und lieben, präsentierten. Ohne Zwang und auch ohne Trotz. So viel Keimzeit, viel ursprüngliche Kraft. Eine angenehme Gelassenheit und entspannte Freude strahlte da heraus, in Text und Musik, verbreitete sich von der Bühne aus im Saal. Hier gab man das Leuchten zurück, ich sah mit großem Gefallen die nachfolgende Generation neben Müttern und Vätern gebannt singen oder intensiv lauschen, sich den aus Rhythmen und Worten ergebenden Bildern befreit hingeben oder sich darin wiegen.

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‚Festival der jungen Talente‘ nannte Andreas heiter den Teil, in dem er seine Piano-Saiten eintauschte gegen die der Gitarre und dem energiegeladenen von Martin gesungenen Stück vom LEICHTESTEn DER WELT, das immer wieder alle im Saal heftigst mitreißt, ein stilles Lebewohl folgen ließ.

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Sein T-Shirt verriet Sympathie mit jener putzigen Bande, die einst ‚todsichere‘ Pläne schmiedete, nur dass hier, mit dieser CD, mit diesem Produzenten, ein genialer Coup tatsächlich gelungen ist. Und zwar mächtig gewaltig!

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Manchmal, wenn Sebastian zwischen Flügelhorn, Schellenring und Gesang auf seinen Einsatz wartend seinen so besonderem Blick anzieht, mag man gern wissen, was sich dahinter verbirgt.

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Konzentration, Suche, Beobachtung..? Nun hat er uns einen kleinen Einblick in seine Gedankenwelt gewährt. INS LAND. Unbedingt anhören. Innehalten. Fallen lassen. Selber versuchen ein Bild zu machen, Bilder. Und ich kann mir kaum vorstellen, wie sie diesen Text so komplett behalten…

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Und dann: der Pianist, im Licht, der Sänger, SINGAPUR. Der Schauer, innen und außen. Wie jedes Mal. Auch FLUGZEUGE und SCHMETTERLINGE öffneten Räume, deutlich war die befreiende Macht der Musik spürbar. In jedem.

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Wunderbar auch, wie Hartmut und Lin an Bass und Schlagzeug ganz unprätentiös und doch Puls- und maßgeblich die Stimmungen der Lieder auffangen und fassettenreich zu untermalen vermögen.

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Längst waren wir im Land der Zugaben angekommen. Hatten zwischen ‚klar und einfach‘ und geheimnisvoll bis originell in Norberts alten und neuen Liedern – in Klassikern und solchen, die das werden – des Lebens Gedankenblitze, -sprünge und -spiele durchlebt, wurden angeregt, andere Sichtweisen, Fragen zuzulassen und mutig und offen den nächsten Schritt, Leben zu wagen, auch mal ganz simple Alternativen zu überdenken: ‚Großmutter findet ihre Zigaretten nicht – ja, dann gib ihr doch eine von dir‘! Mann. So einfach ist das.

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Und was gelegentlich abstrakt bis skurril und schwer verständlich wirkt oder wie zufällig zusammengeführte Momentaufnahmen anmutet, in dem erkennt man sich doch zuweilen selbst, das erinnert man und kann es nun wieder fühlen.

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Wem dabei keine Flügel wachsen, der nimmt eben einfach den Esel…

Ganz herzlichen Dank!

Bericht: Angela

Fotos: René

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