Keimzeit im FZW

Was für ein Tag – KEIMZEIT gibt sich nach vielen Jahren wieder einmal in die Ehre in der Westfalenmetropole, geprägt von Kohle, Stahl und Bier, im Wandel der Zeit heute eher Fußball und Bier, kurz: in meiner Wahlheimat seit nunmehr 8 Jahren – Dortmund.

Mit dem FZW wurde eine gut geeignete Lokalität gefunden, und ich hoffe, es gibt eine Wiederholung in 2017 und Keimzeit-Konzerte in Dortmund werden zur geschätzten Tradition. Mein letzter Konzertbesuch in diesen Räumen war bei Cäthe – sehr intensiv und berührend.

Norbert betritt gut gelaunt die Bühne und startet mit „Näher mein Herz“. Das „Näherrücken“ ist kein Problem, da die Mehrheit der Dortmunder heute einer anderen Liebe frönt: Borussia spielt zeitgleich im EL-Viertelfinale gegen Kloppo (sorry, ich meine gegen den FC Liverpool) – mehr Emotion geht in der fußballverrücktesten Stadt Deutschlands nicht. Aber dennoch haben sich ausreichend Keimzeit-Fans im FZW eingefunden und es gibt ja noch genug Möglichkeiten, sich zwischendurch über den Stand der Fußballdinge zu informieren, z.B. nebenan in der Kneipe beim „public viewing“. Der Funke springt sofort über und es ist wieder da – das Keimzeit-Gefühl.

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Nachdem mich eine Freundin zu einem Tom-Liwa-Konzert in Essen geschleppt hatte, war es abgemacht, dass ich ihr auch meine Favoriten vorstelle, und so kommt es, dass Keimzeit in Dortmund mindestens einen neuen Fan gewonnen hat (meine Freundin). Dass Tom auch auf dem Konzert war, haben wir nicht mitbekommen – da unsere Augen wohl nur den Akteuren auf der Bühne gehörten. Mit großen Erwartungen las ich den Konzertbericht von Tom Liwa auf Facebook: Ja, was ist eigentlich die grundlegende Frage in Norbert Leisegang? Das bringt mich noch einmal dazu, darüber nachzudenken, wie ich zum Keimzeit-Fan geworden bin. Zum einen ist es wohl das Charisma von Norbert und das unwiderstehliche Lächeln, von dem sich jeder sofort angesprochen fühlt, zum anderen ein Stück Ost-Jugend-Kult-Erinnerung und Gemeinschaftsgefühl – aber nicht nur. Zum Fan geworden bin ich erst, als ich nicht mehr versucht habe, Norberts Texte intellektuell zu interpretieren, sondern angefangen habe, sie zu fühlen. Mag sein, dass meine Empfindung dann nicht komplett mit dem übereinstimmt, was Norbert fühlte, als er den Song schrieb, aber darum geht es nicht. Es geht darum, was der Song mit dir macht und bei dir auslöst – und das ist für mich das Keimzeit-Phänomen. Um das wirklich auszudrücken, fehlen mir oft die Worte – das kann Birgit viel besser als ich und Angela – viele Grüße an dieser Stelle an die beiden – wer ihre Berichte auf dieser Seite gelesen hat, versteht, was ich meine. So manche Tiefen im Leben sind leichter zu bewältigen mit Singapur und ein Stück Gelassenheit lässt sich erreichen mit So – und da wir im gleichen Alter sind, passen offenbar auch viele aktuelle Songs auf die jeweilige Lebenssituation. Und wenn die Musik auch noch ins Ohr geht, ist es einfach nur Genuss auf höchstem Niveau und erspart zudem noch den Psychotherapeuten (falls ansonsten benötigt).

Dabei sind die neuen „jungen Wilden“ eine echte Bereicherung. Und, Norbert (tut mir leid), aber Sebastian ist wohl der Süßeste von euch. Ich liebe sein Trompetenspiel und seine coole Show und auch der jetzt z.T. mehrstimmige Gesang in der Band ist ein Genuss. Ich finde es toll, dass jede Rampensau ihre Bühne bekommt und du – wenn auch der künstlerische Kopf – aber nicht mehr der alleinige Dominator bist. Und wenn Martin das „Leichteste der Welt“ singt, kommt das so ehrlich und authentisch von der Bühne, dass die Begeisterung im Saal einfach nur überbrodelt.

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Heute gibt es außerdem ein neues Bonbon – das heißt Simon Anke, der für Spatzi an den Tasten einspringt. Er ist nicht nur „Ersatz“, sondern eine mehr als würdige „Vertretung“ – und seine Solo-Einlage bei „Schmetterlinge“ ist einfach nur umwerfend – „Schmetterlinge“ mutierte hier in der Länge und Intensität zum „Flugzeuge“ vergangener Zeiten.

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Nochmal zum Thema „Was ist die Keimzeit-Botschaft“ als Reflexion zum Bericht von Tom Liwa. Eines haben Tom Liwa und Keimzeit in jedem Fall gemeinsam: Sie müssen den Spagat zwischen Ablehnung von Mainstream+Kommerz und der Musik als Beruf und Brötchengeber irgendwie schaffen. Und dann ist immer die Frage, wieviel Kompromiss die Musik verträgt. Tom Liwa kenne ich nicht genug, um mir ein Urteil zu erlauben. Grundeinstellung scheint hier 0-Toleranz zu sein. Bei Keimzeit sehe ich es so, dass unter dem Druck des Erfolges bzw. eines nicht passenden Produzenten die schlechtesten Scheiben entstanden sind und echte Kreativität sich nur zeigt, wenn man es irgendwie schafft, sich davon freizumachen und auf das Ursprüngliche und Eigene zu besinnen. Weiterentwicklung natürlich nicht ausgeschlossen. Keimzeit kommt nach „Kolumbus“ mit dem „Esel“ wieder mehr und mehr bei sich selbst an, reifer und authentischer als z.B. noch bei „Privates Kino“.

Bezüglich des „Autismus-Hinweises“ von Tom Liwa empfehle ich mal das Buch „Das Rosie-Projekt“, sehr amüsant und aufschlußreich im Hinblick auf die Wandlungsfähigkeit eines Autisten, aber nicht ganz ernst zu nehmen. Danke außerdem für den Tip mit Niels Frevert – hat Spatzi da nicht auch schon mal was gecovert (Du kannst mich an der Ecke rauslassen)?

Keimzeit spielt heute enorm viel von der neuesten „Esel“-Scheibe, lässt aber auch die ganz alten Sachen nicht fehlen, und die Textsicherheit des Publikums begeistert sicher auf beiden Seiten der Bühne. Es soll ja Sänger geben, die dauerhaft mit Teleprompter arbeiten. Norbert braucht das nicht, er hat ja sein Publikum.

Der Abend geht wieder viel zu schnell zu Ende, beseelt schlendern wir nach Hause, auch wenn wir ein bitteres Fußballergebnis zu verkraften haben. Wie sagte Joachim Krol, bekennender BVB-Fan, später in einer Talk-Show: „Ein phantastisches Spiel, nur drei Minuten zu lang“.

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Liebe Keimzeit-Fans, ich hoffe ihr seht es mir nach, dass in einem Konzertbericht so viel Fußball vorkommt – aber in Dortmund wohnen heißt auch Fußball leben. Und für mich heißt dies auch das Andenken an meinen im letzten Jahr verstorbenen Vater zu pflegen und zu bewahren. Fußball war eine seiner Leidenschaften und wenn ich Fußball erlebe, erinnere ich damit auch an meinen Vater.

Nun freue ich mich aber schon auf einen erlebnisreichen Sommer und ein nächstes Treffen mit meiner Lieblingsband an der Ostsee – Kühlungsborn, wir kommen!

Herzliche Grüße an die Band, die Crew und alle Fans, bleibt gesund und habt eine gute Zeit.

Tine

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