Finnland- Blues im Museumskeller (oder meine „englische Woche“)

Schnell mal am Dienstag nach Erfurt düsen…? Nun, nach ner überstandenen Nachtdienstwoche mit sehr wenig Schlaf und der Aussicht, gleich am nächsten Tag wieder zurück zu müssen, die denkbar ungünstigsten Voraussetzungen, einen musikalischen Abend entspannt zu genießen. Soweit das Argument, welches dagegen sprach.

Natürlich würde ich diese Zeilen hier nicht schreiben, wenn ich mich von solchen Einwänden hätte überzeugen lassen. Schließlich war es für dieses Jahr die letzte Gelegenheit eine „gute Bekannte“ wieder zu treffen und mich von ihrer Stimme und Musikalität an den Instrumenten verzaubern zu lassen.

Erja Lyytinen war wieder einmal im Lande und sollte den Museumskeller zu Erfurt mit ihren Bluesklängen zum Schwingen bringen…

Nachdem ich meine Mitfahrgelegenheiten abgesetzt und dabei meine äußerst beschränkten Englischkenntnisse zum ersten Mal seit langem wieder zum Einsatz gebracht hatte (einer meiner Fahrgäste war ein unglaublich agiler 70-jähriger Amerikaner), holte ich noch René von zu Hause ab und wir begaben uns nach Erfurt.
Vor der Tür der diesmaligen Spielstätte angekommen, überfielen uns leise Zweifel.

…Alles noch still, die Tür fest geschlossen. Jedoch…, mit etwas Kraft ließ sich die Klinke drücken, die Tür ging auf und am Einlass saß ein wenig gelangweilt ein junger Mann. Unseren Obolus entrichtet und abgestempelt als „Kopie“, betraten wir den eigentlichen Clubraum im Museumskeller und sahen… fast ins Leere. Die Bar war geöffnet, der Barmann dahinter, ansonsten noch so drei bis fünf Leute die sich unterhielten. Wir überprüften die Uhrzeit: „Stimmt! In ca. einer halben Stunde müsste es eigentlich losgehen“…

Nun, wir erstanden erst einmal ein erfrischendes Kaltgetränk, dunkel und würzig anregend, um die verbleibende Zeit zu überbrücken und warteten auf das kommende Programm und weitere Zuschauer. So allmählich betraten noch einige Gäste den Raum, bis dann die ersten Klänge von der Bühne zu uns herüber tönten. Bald darauf versammelte sich auch eine kleine Schar musikbegeisterter Leute vor dem Podest und die Musikerin begrüßte die Anwesenden mit strahlendem Gesicht und fröhlichem Gitarrenspiel.

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Die Band bot in diesem Jahr viel Neues. Nicht nur der optische Stil Erjas hatte sich etwas gewandelt, auch in musikalischer Hinsicht gab es jede Menge Innovationen. Neben den gewohnten bluesigen Klängen schon bekannter Stücke gab es Balladen, ein wenig Folk, Pop, aber auch rockige Passagen.

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Erja erzählte musikalische Geschichten von „Lieben“ und „Nicht-Lieben können“, aus dem Leben an sich und dass „kein Platz wie zu Hause sei“. Mir schienen die Songs der neuen CD gefühlvoller und sanfter als die der letzten Jahre, aber eines ist geblieben: die wunderbaren Gitarrenriffs, das unverwechselbare Spiel Erjas und die Authentizität ihres Vortrags.

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Ja, dieser Band sah man die Spielfreude wahrlich an, besonders hier, vor diesem kleinen Publikum von ca. 30 Leuten. Hier wurde nicht nur ein „Job“ erledigt, hier war echte Leidenschaft im Spiel.

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Dies wurde von den Anwesenden auch mit begeistertem Applaus gedankt. Schloss man die Augen, mochte man meinen, der Raum wäre berstend mit Leuten gefüllt und wenn man nicht schon gestanden hätte, wäre man aufgestanden, um der Band seinen Respekt entgegen zu bringen.

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Ich hatte den Eindruck, hier waren wirklich nur echte Fans der Band zugegen, welche wussten, was sie erwartete und deren Erwartungen mehr als übertroffen wurden.
Ein wirklich feines kleines Konzert mit „Wohnzimmeratmosphäre“, welches nicht nur uns wieder einmal begeistert hatte.

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Als Erja am Ende der Show dann sinngemäß feststellte, dass nicht die Masse, sondern die Klasse des Publikums entscheidend war, erahnte ich wohl, wie Recht sie doch hatte, jedoch wurde diese Tatsache mir erst einen Abend danach ganz bewusst, als ich im heimischen Berlin ein kleines Konzert der „anderen“ Art erleben sollte ( um nicht „musste“ zu sagen).

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Das Konzert war zu Ende und meine Englischkenntnisse wurden ein zweites Mal gefordert. Mit Händen und Füßen, Brocken englischen Sprachguts stammelnd, bedankten wir uns bei Erja und freuten uns gemeinsam über das Wiedersehen nach langer Zeit. Ein Versprechen gab sie uns noch mit auf den Weg: „im nächsten Jahr komm ich länger nach Deutschland“. Wie schön das zu hören, wir freuen uns drauf.

So ganz nebenbei trafen wir hier auch noch auf einige nette Leute, welche wie wir, auch diese Band schon längere Zeit begleiten, wenn sie in Deutschland weilt. Es ist doch immer wieder schön, Gleichgesinnten zu begegnen und so Freundschaften zu gründen und zu pflegen.
Ja, wieder einmal bestätigte sich das geflügelte Wort
„Musik verbindet“.

Dem aufmerksamen Leser meiner Zeilen hier noch das „Angedeutete“ nachzureichen, bliebe mir nun noch, das kleine Konzert des nächsten Abends mit einigen Worten zu umschreiben, welches ich weiter oben schon erwähnte.

Mittwoch Abend gab es im Berliner Hostel-Schiff „Eastern-comfort“ ein wöchentlich stattfindendes sprachübergreifendes Treffen junger Menschen, bei dem ein Konzert der norwegischen Singer/Songwrigter „Morks Medicine“ und „Robert Rustad Amundsen“ gemeinsam mit dem jungen Duo „dicknclit“ gegeben wurde.

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Die jungen ambitionierten Musiker gaben sich redlich Mühe, das berstend gefüllte Clubschiff mit ihrer Kunst zu durchfluten, die Leute für ihre Musik zu begeistern. Leider waren für die Erschienenen weder der witzig beschwingte Vortrag „dicknclit`s“ noch die leicht folk-rockige Musik der zwei Musiker „Yngve Mork“ und „Robert Rustad Amundsen“ aus Norwegen von größerem Interesse und man unterhielt sich lieber in wildem Sprachgemisch mit seinen Gegenübern lautstark bei diversen alkoholischen Getränken. Selbst das mit atemberaubender Stimme von Robert vorgetragene Cover von „Hit the road Jack“ ließ die meisten der Anwesenden kalt und ihre respektlosen Gespräche lauthals weiterführen.

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Ja, „Masse“ ist nicht gleich „Klasse“ was die Zuschauerschaft betrifft. Klasse wurde hier nur auf der kleinen „Bühne“ bewiesen, auf der die Musiker tapfer und mit dem nötigen „Galgenhumor“ die wenigen wirklich interessierten Leute begeisterten.
Unter den ihnen entsprechenden Bedingungen wäre dies sicher ein wundervolles Konzert geworden, welches das musikbegeisterte Herz hätte höher schlagen lassen.
Leider keine gute Empfehlung für unsere norwegischen Gäste, aber glücklicher Weise doch eher die Ausnahme in der deutschen Konzertlandschaft.

An diesem Abend wurden meine Englischkenntnisse nun ein drittes Mal in Folge strapaziert und ich komme so langsam zu dem Schluss:

…ich glaube, ich brauch nen Auffrischungskurs…

Bericht: Birgit

Fotos: René (1-24), Birgit (25-26)

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