Berlinale oder Kathedrale…- Blues ist überall

12. Februar 2011- die City steht im Berlinalefieber, die roten Teppiche sind ausgerollt und in den Hotels feiern die „Reichen und Schönen“. Inmitten dieses bunten Treibens das Quasimodo, ein kleiner Jazz-/Blues- Kultclub in den unterirdischen Gefilden zwischen Theater des Westens und Delphi- Kino.
Oben vor der Treppe in den Untergrund eine lange Menschenschlange und ich mittendrin.

Die Empfehlung eines Freundes ein paar Tage zuvor im Facebook ließ mich neugierig werden und war der Grund für mein Hiersein.
Thomas Ruf´s (Ruf-Records) „Bluescaravan“ zog auch dieses Jahr wieder durchs Land. Traditionell auch ins Quasimodo – Berlin, wie schon vor 2 Jahren, als wir hier ebenfalls zu Besuch waren, um Erja Lyytinen zu sehen, welche wir seit dem Fehmarn-Festival, auf dem Keimzeit damals auftraten, des Öfteren begleiteten.

„Girls with Guitars“ war dieses Mal das Motto und verhieß uns einen besonderen Bluesabend zu erleben.
Es dauerte so einige Zeit, bis die „Karawane“ der wartenden Gäste aus der Kälte der nächtlichen Stadt in die Gemäuer des Clubs eingezogen war, welcher sich schnell füllte und die Schlangen vor den Getränkeständen länger werden ließ. Nun, es war noch Zeit bis zum Beginn der Veranstaltung und ein angenehm kühler Tropfen nicht zu verachten.

Bald suchte ich mir meinen favorisierten Platz vor der Bühne (bei Konzerten muss ich einfach ganz vorn stehen), und verließ Diesen den gesamten Abend nicht mehr.
Dann ging es endlich los. Drei junge Damen mit ihren Instrumenten betraten die Bühne. Dani Wilde (UK), Samantha Fish (USA) und Cassie Taylor (USA) – übrigens die Tochter des legendären „bluesman“ Otis Taylor, die diesjährige Besetzung der „Bluescaravan“ sollten uns hier nun einheizen. Einziges männliches Crewmitglied war diesmal Denis Palatin an den Drums.

Mein erster, visueller Eindruck war etwas skeptischer Natur, was die Erwartung eines powergeladenen Konzertes betraf. Vor mir erschien ein recht klein wirkendes junges Mädchen in geblümter Bluse und Haarreifen im langen braunen Haar, ein langbeiniges blondes „Modepüppchen“ in Rosa Trägerkleid und High-Heels und ein überdimensionierter mittelbrauner Wuschelkopf im schwarzen Minikleid, weißem Jackett und ebenfalls überdimensioniert lang wirkenden Beinen in schwarzen Stiefeln. Alle Drei schienen noch sehr jung zu sein.

Sie begannen ihr Spiel. Noch etwas verhalten, die Menge noch abtastend aber sehr souverän ihre Instrumente bearbeitend. Im Gesang wechselten sie sich im ersten Block ab. Quasi um sich ihrem Publikum vorzustellen.

Der zweite Konzertblock wurde zwischen den Musikerinnen, welche sich inzwischen warm gespielt hatten, geteilt. Eine Jede sang einige Songs ihres Repertoires und wurde von den anderen musikalisch begleitet. Für meinen Geschmack brillierte die „kleine“ Dani Wilde besonders mit ihrer kraftvollen Bluesstimme, während Samantha Fish ihrer Gitarre auf das Großartigste die bluesigen Töne zu entlocken wusste. Der von Cassie Taylor gespielte Bass gab wunderbar hämmernd den Rhythmus an, welcher sich mit den Drums Denis Palatins zur treibenden Kraft der Musik vereinte. Beim Dialog zwischen Cassie und Dani und ihren Instrumenten wurde ich einen Gedanken nicht wieder los: „Bass kann ja soooo sexy sein“.

Ja und natürlich, das in der Mehrzahl aus Männern bestehende Publikum machte seiner Begeisterung hernach auch gehörig Luft, es wurde geklatscht, gepfiffen und gejubelt, dass sich die Kellerdecke zu heben schien.

Um den Damen ein klein wenig Erholung zu gönnen und die auf Hochdruck schlagenden Männerherzen ein wenig zu beruhigen gab es nach dem zweiten musikalischen Block eine etwas längere Pause, die man rege nutzte, den durch den Jubel der Begeisterung ins Wanken geratenen Flüssigkeitshaushalt mit diversen alkoholischen und nichtalkoholischen Getränken wieder auszugleichen.

Den nun folgenden dritten und offiziell letzten Block bestritten die drei Girls wieder gemeinsam und liefen dabei zur Höchstform auf. Eine Augen- und Ohrenweide, was die Drei hier boten und da auch das Publikum völlig aus dem Häuschen war, kamen die Musikerinnen nun nicht umhin, noch diverse Zugaben abzuliefern. Sie begannen dabei mit dem Cover des alten ACDC- Songs „Highway To Hell“, bei welchem nun kaum ein Mund ruhig zu bleiben schien. Mitsingen und in die Hände klappen war hier nun die Devise. Beendet wurde der Abend dann mit einer wundervollen Interpretation von „With a little help from my friends“.

Wieder einmal begeistert von der Kraft des Blues und bestätigt in der „Macht der Weiblichkeit“ trat ich meinen Heimweg an, welcher dieses Mal nun ausnahmsweise kein Weiter war. Unterwegs dachte ich noch schmunzelnd daran, dass auch diese Musik und die Kunst des E-Gitarrenspiels keine männliche Domäne mehr bleiben sollte.
Wir Frauen können das auch!!!
„Girls with Guitars“ haben es wieder einmal bewiesen!

Nur eine Woche später hatte René eine Überraschung für mich parat. Als ich bei ihm eintraf wusste ich nur, dass es Samstag ins „Sächsische“ ging und es dort etwas „Musikalisches“ gab.

Ich war sehr gespannt und nach einigem Nachfragen erfuhr ich, dass es sich um ein Musikprojekt des ständigen Gastmusikers an den Drums von Silly handeln und in Zwickau stattfinden sollte. Soweit, so gut…
Wir fuhren also nach Zwickau, checkten in unser „Schließfach“ für die Nacht ein, bevor wir den Veranstaltungsort des Abends auskundschafteten.

St. Barbara Kirche Lichtentanne, in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts aus Feldsteinen erbaut, dient sie heute nicht mehr der Andacht Gottes und der Schutzheiligen des Blitzes und Donners, sondern der Huldigung von Kunst und Musik, der Freude und Kurzweil.

Das Kulturzentrum St. Barbara lud am 26.02.2011 die „EAST BLUES EXPERIENCE“ ins heilige Gemäuer ein und wir waren dabei.
Nun, dieses Konzert wurde nicht nur für mich zur Überraschung, sondern es sollte just auch René überraschen, denn ein uns schon länger bekannter Musiker erschien neben Ronny Dehn auf der Bühne. Eingefleischten Keimzeitfans und – reisenden dürfte der Name Peter Schmidt längst zum Begriff geworden sein. Stand dieser mit der Band befreundete Musiker doch schon mehrfach in Belzig mit auf der Keimzeitbühne und gab etwas seines Könnens zum Besten.

Ein begnadeter Blueser, wie ich mich an diesem Abend nun noch intensiver überzeugen durfte, gab sich die Ehre und uns die Freude. Nein, damit hatten wir beide, René und ich, nun gar nicht gerechnet und so schloss sich wieder einmal der Kreis und eine Verbindung beider Bands, Keimzeit und Silly, war wieder einmal geschaffen.

Das Konzert in der Kirche wurde zu einem wirklichen Glanzpunkt, nicht zuletzt durch das Auftreten eines jungen Gitarristen, welcher in familiärem Zusammenhang mit Ronny Dehn stand.

Der Sohn des Drummers, zarte 14 Jahre alt, spielte mit einer Leidenschaft sein Instrument, welche den „Alten Hasen“ ebenbürtig war. Kaum zu glauben, dass dieser junge Mann erst im Alter von 10 Jahren begonnen hatte Gitarre zu spielen.

Wundervoll, dass auch die Jugend den Wert des Blues und echter handgemachter, leidenschaftsträchtiger Musik erkennt und zu nutzen weiß. Auch Peter Schmidt wusste dies lobend zu erwähnen, nebst dem Tatbestand, dass das Auftreten Adrian Dehns das Durchschnittsalter der Band erheblich nach unten zu drücken vermochte. Eine Verjüngungskur, welche den Musikern schmeichelte.

„EBE“ stellten uns einen Querschnitt ihrer nunmehr 20jährigen Bandgeschichte, mit wechselnder Besetzung unter Peter Schmidt, und den daraus entstandenen Alben vor. Besonders Stücke aus dem Album „red balloon“ und dem neuesten Werk „V10“ gingen mir ins Ohr und ließen die Hüften schwingen. Mit geschlossenen Augen genoss ich so manches Gitarrensolo.

Glücklicher Weise hielt ich aber auch zeitweise die Augen offen, um zu bewundern, wie gut die Musiker ihre Instrumente beherrschten. Habe wohl kaum jemanden gesehen, der so unwahrscheinlich schnell am Gitarrensteg war wie Peter Schmidt. Atemberaubend, was dieser Mann mit seinem „Arbeitsgerät“ so anzustellen weiß!

Ronny bestieg seinen „Arbeitsplatz“ um die Menge im Gotteshaus anzuheizen

und Rainer Engelmann machte am Bass ebenfalls eine super Figur und stand seiner weiblichen Konkurrenz der Vorwoche in Sachen Sexappeal um nichts nach, vom heizenden Rhythmus seines Spiels ganz zu schweigen.

Ja, es war sehr intensiv zu spüren: diese „Jungs“ haben einfach nur Spaß an dem, was sie tun.
Ich sah zur Figur der heiligen Barbara auf und glaubte zu sehen, wie auch sie sich ganz sanft, aber glückselig im klang des Blues zu verfangen schien und vorsichtig im Takte zu schwingen begann.

Blues in der Kirche…, ja das ist die Art „Gottesdienst“ die mich veranlassen könnte, jede Woche zur „Messe“ zu gehen.

Zwei Wochenenden, zwei Bluesabende und ein Kampf der Geschlechter…
Unterschiedlich und doch mit einer großen Gemeinsamkeit : Blues in Reinkultur

Wieder einmal stellte ich fest dass ein großer Teil meines musikalischen Herzens dem Blues bestimmt ist…

Blues ist überall…

…und auch ganz tief in mir drin…

Bericht und Fotos (Berlin): Birgits SE C905

Fotos (Lichtentanne): René

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