Nikolaus-Stiefeleien in Berlin

Wer kennt es nicht…, Vorweihnachtsstress und irgendwie scheint einem die Zeit davon zulaufen. Ja und eigentlich lässt uns selbst noch nichts so richtig in diese besinnlich feierliche Stimmung kommen.

Dieses Jahr versuchte ich mich am Vorabend des 6. Dezembers durch einen kleinen Weihnachtsmarktbummel mit meiner Tochter auf „Vorweihnachtsstatus“ zu bringen. – Vergeblich. Kalt war es, so daß ich zuallererst mich selbst mit einer wärmenden Mütze beschenken musste. Überall leicht gehetzte Leute, auf der Suche nach genau DEM Geschenk für ihre Lieben zum Fest. Glühwein erwärmte ein wenig von innen, ließ die Stimmung in mir jedoch nicht wirklich feierlicher werden. Das Wetter ließ sich auch nicht herab, etwas stimmungsvoller zu erscheinen, nasskalt und unangenehm, jedoch keine Spur des so versöhnlich friedlichen Weißes.

Der Nikolausmorgen…
Ich schlug die Augen auf und sah zum Fenster. Hatte mir der alte Herr mit roter Mütze und weißem Rauschebart doch tatsächlich den sanft rieselnden weißen Zauber in die sprichwörtlichen Schuhe, oder quasi vors Fenster gesetzt.
Es sollte nicht das einzige Nikolausgeschenk dieses Jahres bleiben, obwohl meine Stiefel wie jeden Tag, mit schlaff hängendem Schaft und leerem Fußraum, an der Wohnungstür verharrten.

Mit erwartungsvollem Lächeln im Gesicht und tausend schwirrenden Gedanken an all die Vorbereitungen, die für dieses Wochenende noch zu treffen waren aus dem Bett gehüpft, Kaffee gekocht und ans Werk gegangen. Aufräumen, Einkaufen, etc. pp.

So schön die weiße Pracht da draußen auch war, ließ sie mich doch leicht die Stirn runzeln. Wusste ich doch, daß dieser Tag mir meinen lieben René herbeirufen sollte. Mein zweites Nikolausgeschenk. Der Weg für ihn war weit und sicherlich nicht leicht zu bewältigen bei diesen Witterungsbedingungen. „Hoffentlich ist der Winterdienst fleißig wie der Nikolaus“ wünschte ich.

Zeitlich wurde es dann zwar etwas knapp, aber René erschien noch rechtzeitig und wir brachen auf, nach Kreuzberg um mein drittes und unser gemeinsames Geschenk dem sinnbildlichen Stiefel zu entnehmen und zu genießen.

BKA-Theater, 19:07, Auf dem Programm stand „Stoppok solo“
Der Einlass hatte wohl gerade begonnen. Wir fuhren im engen Aufzug in die oberste Etage. Aus kräftezehrender Erfahrung eines Frühlingsabends diesen Jahres ließen wir die steile Treppe diesmal links liegen und zogen das, nach oben schleichende, Gefährt vor.

Dieses mal waren die Stuhlreihen noch etwas weniger besetzt und wir fanden noch Plätze mit guter Sicht auf die Bühne. Die Platzsituation sollte sich jedoch recht schnell ändern, das Konzert war schon Tage zuvor ausverkauft gewesen. Nun, kein Wunder auch, da sich Stoppok in unseren Breiten ja leider in den letzten Jahren etwas rar machte und nur wenige Konzerte in erreichbarer Nähe stattfanden. Umso mehr meine Freude, daß sich die Zusammenarbeit mit dem BKA-Theater wohl inzwischen zu einer kleinen Tradition entwickelt zu haben schien und ich sicherlich auch im nächsten Jahr auf Wiederholung hoffen kann. (?)

Kurz nach 20:00, der Meister betrat die Bühne. Gerade so, als wäre die Zeit seit dem letzten Konzert eingefroren und just in diesem Moment wieder aufgetaut, als wäre das Konzert nie beendet gewesen und würde jetzt fortgeführt.

Stefan begrüßte in seiner witzig-saloppen Art das Publikum und begann uns musikalisch verpackte Geschichten aus dem Leben in altbekannter Manier vorzutragen. Die zwischenmenschlichen Beziehungsarten und -unarten schienen es ihm wieder einmal angetan zu haben. So hielt er so manchem Zeitgenossen den sprichwörtlichen Spiegel vor. Mit „Sei nicht sauer mein Schatz…“ beispielsweise zeigte er augenzwinkernd auf, wozu Pärchenfrust fähig macht.

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Ich glaube, das Erfolgsrezept der stoppokschen Dichtkunst: man findet sich selbst, wie auch seine unmittelbaren Nächsten in den Texten irgendwie wieder, ohne wirklich betroffen oder beschämt zu sein. Sein Witz ist immer hintergründig, ohne jedoch belehrend oder beleidigend zu wirken. Nein, man schmunzelt oder lacht laut über die eigene Schwäche, wie auch über die, die einem entgegengebracht wird.

Nun aber genug philosophiert…, sehen wir mal, was uns der Meister der Zupfinstrumente heut mitgebracht hat.

Wohl auf nem „Musikinstrumentenflohmarkt“ gewesen, wie Stefan selbst sagte, kramte er einige Schätze hervor.

Ein Langhals-Lauteninstrument „Bouzouki“ genannt kam zum Vorschein. Nein, keine griechische, wie uns der Musiker beteuerte. Hier handelt es sich um das irische Namens-Äquivalent, welches hauptsächlich im „Irish Folk“ genutzt wird.

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Beim Spiel dieses Instrumentes übermannte ihn dann die Leidenschaft so, daß ihm doch glatt eine Saite riss. Er „entschuldigte“ sich mit den Worten: „da hab ich mich doch grad etwas gehen lassen…“ Das Publikum ließ sich dann ebenfalls „gehen“ und applaudierte lautstark ob der genialen Klangexplosion, welche es gerade gehört hatte. Nun, die Frage, ob das Reißen der Saite dem euphorischen Spiel oder der Tatsache der angeblichen Herkunft vom Flohmarkt geschuldet war, blieb ungeklärt.

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Das nächste Instrument, ein Banjo. Von Eric Clapton einst erworben, wie der Meister beteuerte. Dann der große Bruder im direkten Vergleich. Das große Banjo, wohl einst Übungsgerät von Carlos Santana. Dieser wollte es eigentlich wieder zurück, doch „fuck you!!!“ das kriegt er nicht! 😉 😀

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Dann kamen wir zu einer traurigen Geschichte. Das harte Leben, wenn man leicht jenseits der 50, zu alt für die Twentours, aber noch zu jung für den Seniorenpass sein Leben ohne Subventionen bestreiten muss. Jaja, wie Stoppok kann auch ich ein Liedchen davon singen. Nur leider kein so witzig Schönes wie er.

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Die „musik-medizinisch-mediale Entwicklung“ der nahen Zukunft, nach Stoppoks Aussage, ließ mir dann doch einen leichten Schauer des Grauens über den Rücken laufen.
Sollte es einem Konzern, mit angebissenem Frischobst im Logo, doch wahrlich gelingen, ein Serum zu entwickeln, mit welchem man, intravenös injiziert (von unqualifizierten Kräften bei mangelhafter Hygiene), seine Lieblingsmusik direkt über die Blutbahn ins Hirn zu transferieren vermag?

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Nein Danke! Da ziehe ich mir die konservativen Methoden des Musikkonsums doch nun wirklich vor!Auch, wenn hierbei ein leichtes Kopfschütteln zum Wechsel des Musiktitels wohl nicht ausreichen wird.

Mit dieser Vorstellung entließ man uns in die Pause. Jetzt wurde dringend Alkohol gebraucht, um das Kopfkino wieder los zu werden und die strapazierten Lachmuskeln zu lockern.

Kurz nach der Pause wurde mir ein lange gehegter musikalischer „Nikolauswunsch“ erfüllt.
Endlich, schon ewig nicht mehr live gehört, kam „Der Kühlschrank“ wieder einmal zu Tage. Vielleicht als kleine Kaufanregung für noch „weihnachtsgeschenk-kauf-unentschlossene“ Ehemänner gedacht, damit der gut gekühlte Biervorrat auch für das nächste Jahr gesichert bleibt? Ich weiß es nicht. Jedoch muss ich jedes Mal an dieses Lied denken, wenn ich die Tür meines Kühlgerätes öffne und mir die sich in ihm gebildete Wasserpfütze entgegen schwappt, wenn ich ihm etwas entnehmen will. Wie lange wird mir „mein Freund…“ wohl noch erhalten bleiben?

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Dann setzte Stefan eine feierliche Mine auf. „Das nächste Stück ist schon seit Jahren den Brüdern Gibb gewidmet. Erst Maurice und jetzt Robin. Dann wird’s wohl noch ein zwei Jahre dauern…“
„Herzlos“… die Gibb-sche Kopfstimme fehlt hier sehr. Ersetzen soll sie nun das Publikum.
-…hau ab… „nur die Damen bitte“
… naja. Eher mäßig, der Chor der Damen. (wohl die wenigsten Damen wollten ihre Männer hier los werden…?)
„Dann jetzt mal die Männer“ „…herzlos“
… „oooh! Das klingt ja schon viel besser!“
Augenscheinlich saßen viele „Gibb´s“ im Publikum und das Lied wurde nach einer gefühlten halben Stunde zu ende gebracht.

Stefan schob dann noch ein paar Probleme die Böschung hinunter, mit dem „Schieberblues“, um anschließend einen Gast und guten Freund anzukündigen.

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Andraz (für Rechtschreibung des Namens übernehme ich keine Gewähr) mit Geige kam auf die Bühne und legte los. „Alles so gut wie neu..“ sang Stefan, die Geige erfüllte den Raum. Ein wenig Puszta-Atmosphäre entstand augenblicklich. Das Publikum feierte mit rhythmischem Klatschen.

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Das nächste Lied…, naheliegend, wird angekündigt: „Eine Geige haben wir ja nun, aber schon seit Jahren…, ich wünschte mir, daß mal jemand nen Dudelsack mitbringt. Keiner da? Schade!“ …

…“doch Stefan“, tönt es aus dem Publikum. „Ich hab hier hinten einen gefunden“. Ein junger Mann betritt die Bühne, in der Hand einen wahrhaften Dudelsack.
Augenblicklich kurzes Erstaunen auf Stefans Seite. Dann jedoch geht’s auch schon zur Sache.

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„Scheiße am Schuh“ mit Geige… UND Dudelsack! Für mich wird ein kleines Märchen wahr 🙂
wie oft hatte ich es mir insgeheim erhofft, diese Situation mitzuerleben.

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Auch Stefan erschloss sich plötzlich der „tiefere Sinn“. „Aah ja, Nikolaus. Der Mann mit Sack und Rute…! Is ja logisch!“ (man beachte den Doppelsinn 🙂 )
Was für ein Fest!!!

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Am Ende der Show bekannte sich Stoppok noch als „Berliner“.
„… denn, schaut man sich mal in dieser Stadt um… ,wo man hinsieht, überall Leute, denen es scheinbar egal ist, was sie anziehen.“
Darum ist der Berliner wohl auch „Cool durch Zufall“. Nun ja, wie man es nimmt. 🙂

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Da wohl niemand den sympathischen Entertainer mit „Schnauze mit Herz“- wie der Berliner zu sagen pflegt, wirklich gehen lassen mochte, machte man ordentlich Krach und nötigte einige Zugaben ab.

Selbstredend musste DAS Lied wieder einmal herhalten und somit der Vorzug antiautoritärer Erziehungsmethoden gewisser Bevölkerungsschichten (hier in Berlin häufig mit dem Begriff „Prenzelwichser“ tituliert) einmal mehr ins „Rampenlicht“ gerückt werden.
Da man nun immer noch nicht genug hatte, beschloss Stefan Stoppok den Abend mit einer bezaubernden Ballade eines Freundes: „ oh, ich denk an dich“.

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Ja, auch wir werden an Dich denken, Stefan. An Dein humoristisches „Bohren in den Wunden der Gesellschaft“, das zeitlose Aufgreifen von Schwächen der Menschen und Verarbeiten in ehrlich-realistischem Text mit dem genialsten Mutterwitz, den ich bislang kenne.
Wir denken an Dich, bis Du wieder kommst, ob nun in diese Stadt und an diesen Ort, oder halt woanders. Aber bitte, bitte, komm bald wieder in den Osten unseres Heimatlandes.

Bericht: Birgit

Fotos: René

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